WIEN MODERN 2009
Samstag, 7. November 2009, 19:30 Uhr
Programm | Werkeinführungen
| Biographien
Das SCHÖMER-HAUS – vor mehr als 20 Jahren von Heinz
Tesar als Bürogebäude und Ausstellungsraum der Sammlung
Essl entworfen – verwandelt sich heute abend wieder einmal
in eine Kathedrale der Neuen Musik, in der gleich zwei Kompositionen
zum allerersten Male erklingen: Detlev Müller-Siemens’
Kommos – ein Auftragswerk der Sammlung Essl – und
Kykloi des in Berlin lebenden amerikanischen Komponisten Sidney
Corbett.
Beide Kompositionen beziehen sich auf griechische Mythologien
und stellen dabei die alte, aber immer wieder aktuelle Frage nach
dem Verhältnis von Zeit und Raum. Diese beiden Aspekte sind
auch das zentrale Thema des französischen Komponisten Gérard
Grisey, dem während des heurigen Festivals WIEN MODERN ein
eigener Schwerpunkt gewidmet ist und der in Vortex Temporum einen
„Zeitenwirbel“ virtuos in Szene setzt.
Ich freue mich sehr, das Ensemble Reconsil erstmals im SCHÖMER-HAUS
zu Gast zu haben, das den Abend gemeinsam mit den beiden Solistinnen
Rita Balta (Sopran) und Kaori Nishii (Klavier) sowie dem Dirigenten
Roland Freisitzer bestreiten wird.
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Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Essl
Musikintendant der Sammlung Essl |
Programm
- Sidney Corbett: Kykloi (2009) - UA
nach einem Text von Barbara Köhler für Sopran und
Ensemble
- Detlev Müller-Siemens: Kommos (2009)
für großes Ensemble
Kompositionsauftrag der Sammlung Essl - UA
- Gérard Grisey: Vortex Temporum I-III (1996)
für Klavier und 5 Instrumente
Ausführende
- Ensemble Reconsil
(Wien)
- Flöte: Alexander Wagendristel
- Oboe: Helene Kenyeri
- Klarinette: Thomas Schön
- Fagott: Robert Gillinger-Buschek
- Horn: Péter Keserü
- Trompete: Peter Travnik
- Percussion: Christian Pollheimer
- Klavier: Judit Varga
- Violine: Bojidara Kouzmanova
- Violine: Thomas Wally
- Viola: Julia Purgina
- Violoncello: Maria Frodl
- Violoncello: Mara Kronick
- Kontrabass: Barbara Tanzler
- Kaori Nishii: Klavier
- Rita Balta: Sopran
- Roland Freisitzer: Dirigent
WERKEINFÜHRUNGEN
Sidney Corbett: Kykloi (2009)
Die Komposition dieses Werkes wurde von Detlev Müller-Siemens
und Roland Freisitzer angeregt und ist für die Sopranistin
Rita Balta und das Ensemble Reconsil anlässlich des Festivals
Wien Modern 2009 entstanden. Der Text wurde von der Dichterin
Barbara Köhler, mit der ich seit einigen Jahren zusammenarbeite,
eigens für dieses Werk geschrieben. Ausgangspunkt sind Passagen
aus Gesängen der Odyssee von Homer, bzw. die entsprechenden
Passagen in Köhlers Buch, niemandsfrau. «Kykloi»
ist das griechische Wort für Kreise, im Fall meines Werkes
Zeitkreise.
Die Texte Barbara Köhlers haben was ich polyphone Tragweite
nennen möchte: die Worte strecken sich sowohl in die Zukunft
als auch über die Erinnerungen in die Vergangenheit aus,
bilden ein Netz von Querverweisen untereinander, so dass über
Mehrdeutigkeit und Assoziation eine Art mehrdimensionales, polyphones
Gebilde entsteht.
In meinem Werk habe ich nun diese Polyphonie reduziert, oder
vielleicht eher destilliert. In gewisser Weise kann das Orchester
als eine polyphon gestimmte Trommel verstanden werden.
Sidney Corbett
Detlev Müller-Siemens: Kommos (2008/2009)
Kommos (= Klagegesang in der altgriechischen Tragödie,
der abwechselnd von einem Schauspieler und dem Chor vorgetragen
wurde), komponiert 2008/09, entfaltet sich im Spannungsfeld zwischen
struktureller Verdichtung und Zerfall, zwischen gleichsam skulpturaler
Präsenz und einer fast vollständigen Auflösung
jeden Zusammenhangs, zwischen chorischem Klang, der sich im Raum
zusammenballt und fragmentierten Einzelstimmen, die im Leeren
schweben. Kommos ist eine Auftragskomposition der Sammlung
Essl.
Detlev Müller-Siemens
Gérard Grisey: Vortex Temporum (1995/1996)
Der Titel Vortex temporum («Zeitenwirbel»)
bezeichnet die Entstehung einer Formel aus sich drehenden und
sich wiederholenden Arpeggi und ihre Metamorphose in verschiedenen
Zeitfeldern. Ich habe hier versucht, einige meiner jüngsten
Untersuchungen zur Anwendung desselben Materials in unterschiedlichen
Tempi zu vertiefen. Drei klangliche Gestalten: Ein Ur-Ereignis,
die Sinuswelle, und zwei Nachbarereignisse – die Attacke
mit oder ohne Nachhall und der gehaltene Klang mit oder ohne crescendo.
Drei verschiedene Spektren: «harmonique», ausgedehntes
«inharmonique» und komprimiertes «inharmonique».
Drei verschiedene Tempi: ordinario, mehr oder weniger verbreitert
und mehr und mehr kontrahiert; dies sind die vorherrschenden Archetypen
in Vortex temporum.
Abgesehen von der anfänglichen Drehformel, die direkt aus
Daphnis und Cloe hervorgeht, legt Vortex temporum eine
Harmonik nahe, die ihren Kern in den vier Noten des verminderten
Septakkordes hat, des Rotationsakkords par excellence. Tatsächlich
ermöglicht der Akkord vielfältige Modulationen, wenn
man nacheinander jede seiner Noten als Leitton betrachtet. Es
handelt sich hier freilich nicht um tonale Musik, sondern vielmehr
darum, zu erfassen, was in ihrem Funktionieren heute noch an Aktuellem
und Neuem steckt. Der Akkord befindet sich somit im Schnittpunkt
der drei oben beschriebenen Spektren und bestimmt die verschiedenen
Transpositionen. Er bildet also den Knotenpunkt in der Artikulation
der Tonhöhen von Vortex temporum. In den vier um einen
Viertelton tiefer gestimmten Frequenzen des Klaviers liegt er
original vor, wobei dieser Angriff auf die sonst unantastbare
Klavierstimmung eine Klangfarbenverzerrung des Instruments einerseits
und eine leichtere Eingliederung in die verschiedenen Mikrointervalle
andererseits ermöglicht.
In Vortex temporum kreisen die drei vorgenannten Archetypen
von einem Satz zum anderen in Zeitkonstanten, die so verschieden
sind wie die des Menschen (Sprach- und Atemzeit), der Wale (Spektralzeit
der Schlafrhythmen) und der Vögel wie Insekten (extrem kontrahierte
Zeit mit abgestumpften Konturen). Somit wird aufgrund dieses imaginären
Mikroskops eine Note zur Klangfarbe, ein Akkord zum Spektralkomplex
und ein Rhythmus zum Konglomerat von unvorhersehbaren Dauern.
Die drei Teile des ersten, Gérard Zinsstag gewidmeten
Satzes, entwickeln drei Aspekte der ursprünglichen, den Akustikern
wohlbekannten Welle: Sinuswelle (Drehform), eckige Welle (punktierte
Rhythmen) und Sägezahnwelle (Klaviersolo). Sie verlaufen
in einem Tempo aus, das ich als «jubilierend» bezeichnen
würde, das Tempo der Artikulation, des Rhythmus und des menschlichen
Atmens. Nur der Klaviersoloteil führt uns an die Grenzen
der Virtuosität.
Der zweite, Salvatore Sciarrino gewidmete Satz nimmt identisches
Material in gedehntem Tempo wieder auf. Die Anfangsgestalt ist
hier nur einmal, über die ganze Dauer des Satzes gezogen,
zu hören. Ich habe versucht, in der Langsamkeit den Eindruck
von sphärischer, schwindelerregender Bewegung zu schaffen.
Die aufsteigenden Bewegungen der Spektren, das Versinken der Grundtöne
in chromatischen Abwärtslinien und die fortwährenden
Filtrationen im Klavier bewirken eine Art doppelter Rotation,
eine helikoidale und kontinuierliche Bewegung, die sich um sich
selber dreht.
Der dritte Satz ist Helmut Lachenmann gewidmet. Er stellt den
Schwingungstypen des ersten Satzes einen langen Entwicklungsprozess
gegenüber. Kontinuität und mit ihr die ausgedehnte Zeit,
in die die Ereignisse des ersten Satzes in größerem
Maßstab projiziert werden, stellt sich erst allmählich
ein. Die bereits im Verlauf des ersten Satzes unsanft behandelte
Metrik ist oft im Strudel reiner Dauer ertränkt. Die dem
harmonischen Verlauf zugrunde liegenden Spektren – zuvor
im zweiten Satz entwickelt – breiten sich aus, um den Hörer
die Textur erfassen und ihn in eine andere zeitliche Dimension
vordringen zu lassen. Die komprimierte Zeit zeigt sich auch im
Aufblitzen von übersättigten Momenten, die die verschiedenen
Sequenzen noch einmal in einem anderen Maßstab zu Gehör
bringen.
Zwischen den Sätzen von Vortex temporum stehen kurze
Zwischenspiele. Einige Luft- und andere Geräusche und Klangschatten
sollen die unfreiwillige Stille und Peinlichkeit bei den Musikern
und Zuhörern färben, wenn sie zwischen zwei Sätzen
Atem holen. Diese Behandlung der Wartezeit, diese Brücke,
die von der Zeit des Zuhörens zur Zeit des Wartens geschlagen
wird, erinnert durchaus an Dérives, Partiels oder an Jour
– Contre Jour. Natürlich sind die Geräusche nicht
ohne Bezug auf die Morphologie von Vortex temporum. Das
Material zugunsten der reinen Dauer aufzuheben, ist ein Traum,
den ich seit vielen Jahren hege. Vortex temporum ist vielleicht
nicht mehr als die Geschichte eines Arpeggios im Raum und in der
Zeit, diesseits und jenseits unseres Hörfensters. Ein Arpeggio,
das mein Gedächtnis nach dem Willen der Monate, in denen
dieses Stück niedergeschrieben wurde, emporgewirbelt hat.
Gérard Grisey
Übersetzung aus dem Französischen: Barbara Maurer
BIOGRAPHIEN
Sydney Corbett
1960 geboren in Chicago, USA | Musik- und Philosophiestudium an
der University of California, San Diego und der Yale University
| 1985 bis 1988 Studium an der Hamburger Musikhochschule bei György
Ligeti | verfasst Bühnen-, Orchester-, Instrumental-, Solo-
und Vokalliteratur | zahlreiche Preise und Auszeichnungen im In-
und Ausland | Schwerpunkt seiner jüngeren Arbeit im Bereich
des Musiktheaters | 2002 Uraufführung der Kammeroper X und
Y in Basel | 2006 Portrait-CD erschienen beim Label Cybele | seit
Oktober 2006 Professor für Komposition an der Hochschule für
Musik und darstellende Kunst Mannheim
Detlev Müller-Siemens
1957 geboren in Hamburg | 1970-1972 Kompositions- und Klavierstudium
bei Günter Friedrichs und Konrad Richter an der Hochschule
für Musik, Hamburg | 1973-1980 Kompositionsstudium bei György
Ligeti, Klavier bei Andreas Meyer-Hermann, Eckart Besch und Volker
Banfield, Dirigieren bei Christoph von Dohnanyi an der Hochschule
für Musik, Hamburg | 1974 Kranichsteiner Musikpreis bei den
Internationalen Ferienkursen Neuer Musik, Darmstadt | 1975 Förderpreis
des Hamburger Bachpreises Stipendiat der Studienstiftung des deutschen
Volkes und der Heinrich-Strobel-Stiftung | 1977-1978 Studium bei
Olivier Messiaen am Conservatoire supérieur de Musique, Paris
| 1980 und 1982 Stipendiat der Villa Massimo, Rom | 1991-2005 Professor
für Komposition und Theorie an der Musikhochschule Basel |
2005 Professor für Komposition an der Universität für
Musik und darstellende Kunst, Wien | zahlreiche Preise und Förderungen
u.a. Förderpreis des Berliner Kunstpreises (Akademie der Künste)
Schneider-Schott Musikpreis, Hindemith-Förderpreis, Rolf-Liebermann-Förderpreis
für seine Oper die Menschen (UA 1990) etc.
Gérard Grisey
1946 geboren in Belfort/Frankreich | 1963-1965 Kompositionsstudium
an der Musikhochschule Trossingen | 1965-1972 Studium am Conservatoire
u.a. bei Olivier Messiaen und Henri Dutilleux an der Ècole
Normale de Musique de Paris | Auseinandersetzung mit elektroakustischen
Techniken bei Jean-Étienne Marie | 1972 Teilnahme an den
Internationalen Ferienkursen für Neue Musik / Darmstadt (u.a.
Kurse bei Karlheinz Stockhausen, György Ligeti, Iannis Xenakis)
| 1972-1974 Stipendiat der Villa Medici | 1973 Gründung der
Komponistengruppe I´tinéraire und dem Ensemble I´tinéraire
| 1975 Kurse über Akustik bei Émile Leipp | 1980 DAAD
Stipendium in Berlin | 1982 Lehrauftrag an der University of California
und Berkley | 1986 Professor für Instrumentation und Komposition
am Conservatoire national supérieur de musique et de danse
de Paris | verstirbt 1998 in Paris
Roland Freisitzer
1973 geboren in Wien | seit 1989 Kompositionsstudien in Moskau bei
Alfred Schnittke | seit 1991 Studium am Moskauer Konservatorium:
Komposition bei Edison Denisow | Meisterkurse bei Magnus Lindberg,
Marco Stroppa, Franco Donatoni und Krzystof Penderecki | 1992–94
Kompositions¬unterricht bei Avet Terterian | 1994 Gründung
von The Moscow Orchestra | 1994–98 künstlerischer Leiter
und Chefdirigent des Orchesters | 1999 Abschluss des Studiums bei
Faradsch Karaev in Baku, Rückkehr nach Österreich | Uraufführungen
in Göteborg, Stockholm, im Brahms-Saal der Gesellschaft der
Musikfreunde, beim Brighton Festival, bei der London Cutting Edge
Series und der Gaudeamus Music Week durch Ensembles wie GAGEEGO!,
trio obscura, Ensemble Kontrapunkte, Wiener Saxophonquartett und
das IXION Ensemble | Rundfunkproduktionen für Sveriges Radio
und BBC | 2003 Gründung des ensemble reconsil zusammen mit
Alexander Wagendristel und Thomas Heinisch | 2004 Uraufführung
des basset clarinet concerto im Wiener Musikverein durch das Ensemble
Kontra¬punkte unter Peter Keuschnig | 2005/06 Uraufführungen
bei den Dresdner Tagen für neue Musik und im Studio Neue Musik
Moskau
Rita Balta
geboren in Litauen | Gesangsstudium in Warschau und Wien | Stipendiatin
der deutschen Schubert-Gesellschaft, der Konrad Adenauer Stiftung
und des Braunschweiger Musikpodiums | 2002 Preis¬trägerin
der Sommerakademie Mozarteum im Rahmen des Salzburg Festspiele |
Als Solistin Aufführungen bei internationalen Muikfestivals
| Zusammenarbeit mit den Dirigenten Marcello Viotti, Helmut Rilling,
Peter Neumann und Johannes Kalitzke | 2004 Titelpartie in Vykintas
Baltakas’ Kammeroper Cantio bei der Musikbiennale München
| Zahlreiche Radioaufnahmen und CD-Produktionen, u.a. mit dem Ensemble
Modern, dem Klangforum Vienna und dem Nieuw Ensemble Amsterdam
Kaori Nishii
geboren in Tokyo | erster Klavierunterricht mit 3 Jahren | Nach
dem Abschluß des Musikgymnasiums Übersiedelung nach Wien
| Klavierstudium an der Wiener Musikuniversität bei Heinz Medjimorec
| Kammermusik-Studium bei Johannes Kropfitsch am Konservatorium
der Stadt Wien | Studium der Vokalbegleitung bei David Lutz an der
Wiener Musikuniversität | Meisterkurse bei Oleg Maisenberg,
Lazar Berman, Pavel Gililow | 2000 und 2002 Erika Chary Förderpreis,
2001 Bösendorferstipendium | Preisträgerin der Alban Berg–Stiftung,
beim Dr. Joseph Dichler Klavierwettbewerb und beim 7. Internationalen
Johannes Brahms Wettbewerb | Seit 2004 Lehrbeauftragte an der Musikuiversität
Wien | Konzertauftritte bei der 100 Jahre Feier von Yamaha („centenial
concert“), beim Internationalen Musikfestival „Moscow
autumn“, Kammermusikabende mit dem „Ensemble Wiener
Consort“ sowie zahlreiche Konzerte im In- und Ausland als
Solopianistin und Kammermusikerin, darunter zahlreiche Uraufführungen
| Seit 2003 Mitglied des Ensemble Reconsil Wien.
2002 von Roland Freisitzer, Thomas Heinisch und Alexander Wagendristel
gegründet | 2002-2006 Konzerte in Wien (Stadtinitiative, Alte
Schmiede), Graz, München, Barcelona | 100 Uraufführungen
von eigens für das Ensemble komponierten Werken, u.a. von Michael
Finissy, Cristina Landuzzi, Olga Rajeva, Georg Friedrich Haas, Gerd
Kühr, Gerald Resch | Seit 2006 Zusammenarbeit mit dem Arnold
Schönberg Center; seither intensive Beschäftigung mit
dem Werk Arnold Schönbergs und in Folge Einbeziehung ausgewählter
Klassiker der Moderne (Edgard Varèse, Alban Berg, Hanns Eisler)
in die Programmplanung | 2007-2008 Abonnement-Zyklus im Arnold Schönberg
Center, Konzerte im Wiener Konzerthaus u.a.
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