ensemble Intégrales (Hamburg)
Das Programm dieses Abends entstand in Zusammenarbeit mit dem Hamburger ensemble Intégrales, das ich vor einigen Jahren zu einem Lokalaugenschein in das SCHÖMER-HAUS eingeladen habe. In einem langen Prozess entwickelte sich allmählich eine stimmige Dramaturgie von Stücken, die - (auch) unter Einbeziehung von Live-Elektronik - die Innenwelt der Klänge in den Raum projizieren und damit die Wahrnehmung auf besondere Weise herausfordern: die Musik entsteht erst durch den aktiven Vorgang des Hörens im Hörenden selbst, der aus seiner passiven Rolle als Konsument tritt und selbst aktiv zum „Konstruieren einer Wirklichkeit“ (Heinz v. Foerster) angeregt wird. Neben Kompositionen aus dem Repertoire des Ensembles stehen an diesem Abend auch zwei Uraufführungen auf dem Programm: „A.R.C.H.E“ von Wolfram Schurig (der bereits 1999 ein Werk für das SCHÖMER-HAUS komponiert hat) sowie das eben fertiggestellte Werk „LIED (geborsten)“ des in Berlin lebenden Komponisten Philipp Maintz, das eigens für diesen Anlass als Auftragswerk der Sammlung Essl geschrieben wurde.
In chaoids für Saxophon, Violine und Schlagzeug (2001) erkundet Kyriakides den Effekt sich reibender Zeitschichten. Dem sehr gleichförmig mechanischen Puls der Elektronik stellt er in Form einer rhythmischen Polyphonie lebendigere Tempi der Instrumente gegenüber. Es resultiert ein schwebender Ein-druck, zugleich – je nach Fokussierung der Aufmerksamkeit – die Wahrnehmung sehr eigenständiger Stimmverläufe. Kyriakides schuf das Stück für das ensemble Intégrales, den Titel „chaoids" entnahm er der Schrift „Was ist Philosophie?“ von Gilles Deleuze und Félix Guattari.
Yannis Kyriakides: 1969 in Zypern geboren, emigrierte 1975 mit seiner Familie nach England. Er studierte Musikwissenschaften an der York Universität, dann bei Louis Andriessen am Hague Konservatorium in den Niederlanden. Zu dieser Zeit arbeitete er auch an drei Projekten mit dem Komponisten elektronischer Musik und Theatermacher Dick Raijmaakers zusammen. Kyriakides arbeitet in sowohl mit Ensemble wie ASKO, dem Marten Altena Ensemble und Icebreaker, als auch mit Theater- und Tanzgruppen wie Hollandia und leine zusammen. Gemeinsam mit Andy Moor und der Designerin Isabelle Vigier gründete er das Label UNSOUNDS für innovative neue elektronische Musik. Seine eigene Gruppe CIRCADIAN nimmt regelmäßig an Veranstaltungen in Europa teil und er ist, spezialisiert auf live processing, mit seinen Improvisationen aktiv in der Live-Elektronik-Musikszene tätig.
„Es war etwas und wird nichts - Heißt es nicht ebenso viel als: es war nichts und wird nichts und um nichts wird kein Wort mehr gewechselt.“ no significant change – short cuts für Violine, Sopransaxophon, Keyboard, Schlagzeug und CD sind fünf kurze, rein instrumentale Ausschnitte aus meinem gleichnamigen multimedialen Musiktheater. Die großen Bögen in der Musik tragen den episodenhaften Charakter des Geschehens. Klangverdichtungen wechseln sich ab mit lichten, transparenten Abschnitten, die die jeweilige Disposition des/der Protagonisten widerspiegeln und transformieren. Die Zuspielbänder transportieren bereits Gehörtes über die verteilten Lautsprecher in eine räumliche Dimension, in der das Traumhafte des Zustandes des Protagonisten fast real wird. In dieser Raumdimension bewegen sich im Musiktheater die Sprechstimmen der Erzähler und der beiden Protagonisten. Sie sind nicht immer lokalisierbar und oft mit der musikalischen Ebene eng verwoben. Auch hier spielt die ‘Abwesenheit’ eine zentrale Rolle: Die Musiker entfernen sich in Wiederholungsteilen sowohl von einander, als auch von den vorproduzierten Teilen, so dass jeder in diesen Abschnitten seine Stimme in sich ruhend spielt; Entfernung und Annäherung in unstetem Wechsel. Es entstehen somit immer andere musikalische Zusammenhänge mit dem immer selben Material. Die Wahrnehmung glaubt, dass sich eigentlich nichts ändert und wird durch die fast unmerklichen Verschiebungen getäuscht.
Burkhard Friedrich: 1962 in Berlin geboren, studierte zunächst Komposition und Allgemeine Musikerziehung in Lübeck, absolvierte anschließend ein Aufbaustudium im Fach Komposition in Stuttgart und studierte parallel klassisches Saxophon in Berlin. Beide Studiengänge schloß er mit künstlerischem Diplom ab. Er war Stipendiat der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWR, des Deutschen-Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und der Kulturbehörde Hamburg, ist Preisträger verschiedener Kompositionswettbewerbe und produzierte eigene Werke im SWR, WDR, NDR, DRS und ORF. Burkhard Friedrich ist u.a. Bach-Preis-Stipendiat der Hansestadt Hamburg, mit seiner Oper “Lancelots Spiegel” 1. Preisträger des “Johann-Josef-Fux-Opernkompositionswettbewerbes”(Graz 2003) und erhält regelmäßig Kompositionsaufträge nationaler, wie internationaler Ensembles und Festivals. Sein Musiktheater "Imitation of Life" wurde im August 2005 im Rahmen der Bregenzer Festspiele aufgeführt. Eine Setzung verschiedener instrumentaler Handlungsschemata als Ausgangssituatíon ist natürlich noch keine Musik, auch wenn sie ein hörbares Resultat zeitigt. Nachdem es aber darum geht, das musikalisch Spezifische genau dieses hörbaren Resultats zu präzisieren, sind Strategien, die darauf abzielen, gestalterisch so lange auf dem Ungenießbaren herumzukauen, bis es genießbar geworden ist, das also, was üblicherweise als kompositorisches Handwerk bezeichnet wird, fehl am Platz. Die Entwicklung einer kompositorischen Methode geht in diesem Fall von der Überlegung aus, das jede akustische Situation differenziert werden kann in musikalische Eigenschaften, die dem klanglichen Milieu zuzuordnen sind und solche mit Gestaltcharakter. Wird nun das Milieu verändert, so spezifizieren sich die musikalischen Eigenschaften der Gestalten jeweils neu, auch wenn letztere unverändert bleiben. In anderen Worten: die gestaltbildenden Elemente harren zeitweise gewissermaßen in ihrer Arche aus, um dann in veränderter Umgebung wieder entlassen zu werden, wodurch eine neue Ausgangssituation mit den gleichen Beteiligten entsteht usw... Das ganze Unterfangen wäre nicht mehr als ein musikalisches Exerzitium, wäre nicht schon der Beginn des Stückes paradigmatisch für permanent sich einstellende Situationen im Verlauf des Stückes, nämlich ein derartiger Extremfall, dass man sich als Komponist ernstlich fragen muß, wo und wie denn bitteschön die zurechtgelegte Methode greifen soll, wenn die Turbulenz der Ereignisse Gestalten zu Ihrer eigenen Umgebung verdichtet und diese wiederum nur vermittelt durch die Flut schemenhafter Gestalten erfahrbar wird. Da aber fängt Komponieren an: mit der Lösung unlösbarer Aufgaben. Noah packte die Sintflut in seine Arche und brachte sie ins Trockene. Das hätte uns wahrscheinlich einiges erspart. A.R.C.H.E. ist im Jahr 2000 für die Besetzung Bariton-Saxophon, Schlagzeug und Klavier entstanden. Die Revision des Werkes konzentriert sich im wesentlichen auf die Re-Komposition der (nunmehr Tenor) Saxophonstimme, die sich in der originalen Version als teilweise unrealisierbar erwiesen hat. Die Eingriffe in den Saxophonpart haben – wiewohl sie an der musikalischen Substanz wenig verändern – eine komplette Neukonzeption seiner Tonhöhenorganisation nötig gemacht. Weitere Veränderungen betreffen die Behandlung spezifisch pianistischer Klangfarben und die Pedalisierung.
Wolfram Schurig: 1967 geboren in Bludenz. 1983-1987 Musikgymnasium und Landeskonservatorium Feldkirch. 1987-1989 Lehramtsudium im Hauptfach Blockflöte am Landeskonservatorium Feldkirch 1989 Lehrdiplom mit Auszeichnung.1989-1993 Konservatorium und Musikhochschule Zürich: Komposition bei Hans-Ulrich Lehmann, gleichzeitig Konzertfachstudium Blockflöte bei Kees Boeke. 1993 Konzertdiplom. 1992-1995 postgraduelles Kompositionsstudium bei Helmut Lachenmann an der Musikhochschule Stuttgart. Marko Ciciliani: KörperKlang In KörperKlang für Viola, Altsaxophon, Klavier und Live-Elektronik (2003), bilden die klanglichen und körperlichen Eigenschaften der Instrumente, wie auch die des Raumes, in dem das Stück aufgeführt wird, den Ausgangspunkt. Mittels der Live-Elektronik werden die Resonanzcharakteristika des Raumes und der Instrumente durch ein Verfahren repetitiven Abspielens und Wiederaufnehmens zu akustischen Finger-abdrücken destilliert. Desweiteren werden einzelne Fragmente des Stückes von sehr verschiedenen Perspektiven aus – unmittelbar am Instrument bis hin zu einem benachbarten Raum – aufgenommen. Diese diversen Liveaufnahmen, als kurze Ausschnitte zu einem mosaikartigen rotierenden Klangteppich verschmolzen, hüllen im Verlauf des Stückes das tänzerische Spiel der MusikerInnen ein. Die lebendigen, auf variierten Repetitionen basierenden Instrumentenstimmen werden durchsetzt mit ihrem gerade verklungenen Klang, ihrer eingefrorenen Emotion.
Marko Ciciliani: Geboren 1970 in Kroatien, lebt als freischaffender Komponist, Improvisator und Audiokünstler in Amsterdam. Seine Kompositionen reichen von reiner Instrumental- und Vokalmusik über Orchestermusik bis hin zu Audioinstallationen und Multimediaproduktionen. Charakteristisch für die Kompositionen von Ciciliani ist die Kombination von scheinbar widersprüchlichem Material, was den Stücken ein musikantisches und experimentelles Gefühl verleiht, mit überraschenden Wendungen und reichen Farbschattierungen. Philipp Maintz: LIED (geborsten) meine erste assoziation, als karlheinz essl mich fragte, ob ich ein stück für saxophon, violine, schlgzeug, klavier und elektronik schreiben wolle, war die eines dunklen, splittrigen gesanges, der in seiner kontinuität immer wieder von sich selber durchbrochen wird. ich habe dann diesen raum im schömer-haus gesehen, in dem das stück durch das ensemble Intégrales aus der taufe gehoben werden sollte und umsomehr verstärkte sich meine idee von zerstäubten linien, die dort an den wänden entlangwandern. meine kammermusik LIED (geborsten) ist in direkter nähe zu meinem orchesterstück heftige landschaft mit 16 bäumen entstanden – dessen ausgangsmodell des „perfekten quadrates“ für einen formverlauf habe ich hier wieder verwendet, die sich öffnenden wege allerdings in die entgegengesetzte richtung abgelaufen. mein ausgangsmaterial speist sich aus einer harmonischen matrix, die ich auch in dem orchesterstück verwendet habe – allerdings habe ich den verlauf ineinandergefaltet. das große tableau wurde eher zu einem spiegelkabinett, das sich selbst betrachtet. die tendenz wird da eigentlich klar: ich wollte eher in den klang hineinklettern und feine linien ziehen. verschiedene partikel überlagern sich mit sich selber – in varianten- und generationsbildungen, bilden stellenweise ein nervöses geflecht, verzahnen sich, schwingen aber immer wieder zurück in einen zustand angespannten nachlauschens... so bekommt dieser gesang immer wieder verzweigungen, die ihm ähneln, sich aber in ihrem weiterverzweigen immer weiter verändern. der phantasie sind eigentlich keine grenzen gesetzt. durch mehr oder minder freies variieren kann ich mir unterschiedliche aber sich gleichende gestalten vorstellen. jede dieser varianten wird nur von dem logisch möglichen begrenzt, nicht von existenz-möglichkeit. das auffinden logischer (oder stringenter lösungen) ermöglicht das anwenden algorithmischer prozesse, die eine gestalt in unterschiedliche richtungen generationsweise verändern. in dieser freien variation kann ich dann konstanten entdecken, wo sich die unterschiedlichen varianten decken – z.b. sind zwei klänge ähnlich, aber unterschiedlich, aber doch beide beispielsweise klavierklänge. das alles umgebende netz der harmonischen matrix bewahrt mich bei dem vorgang vor dem ausufern – zwingt mich in gewisser weise auch dazu, weiter zu präzisieren, was ich genau als ergebnis haben möchte, ist systemimmanente selbsreflexion. assoziative ungeduld kennt keine grenzen. gestalträume wuchern an ihren rändern einfach weiter. da musik zu schreiben kein empirischer vorgang ist, bedurfte es doch der beobachtenden distanz des komponisten, einen hörbaren stringenten zusammenhalt herzustellen und zu wahren. also – wie erwähnt – die musik in einen zustand des sich-selber hinterherlauschens zurücksinken zu lassen... kein gegenstand, kein klang und erst recht keine musikalische gestalt ist „einfach“ in seiner äußeren erscheinung. die komplexität eines jeden dings und unser unvermögen, alle aspekte eines betrachteten gegenstandes gleichzeitig zu erfassen, erfordern ein konsequentes und strukturiertes vorgehen, will man dem wesen des betrachteten gerecht werden.
Philipp Maintz: gehört zu den vielversprechendsten Komponisten der jungen Generation. Nachdem er 2004 mit seinem Streichquartett „INNER CIRCLE“ – vom Arditti Quartet bei den Wittener Tagen für Neue Musik uraufgeführt – großen Anklang fand, komponierte er bereits ein Jahr später sein erstes Orchesterwerk, „heftige landschaft mit 16 bäumen“, das im August 2005 als Auftragswerk bei den Salzburger Festspielen durch das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter Lothar Zagrosek uraufgeführt wurde. Sein Wunsch, „… der Hörer möge in den Klangwucherung der Komposition herumspazieren wie in einer imaginären Landschaft“, scheint sich erfüllt zu haben, denn seiner Einladung zu einem „dramatischen Hörabenteuer“ folgte das Publikum in der Salzburger Felsenreitschule mit begeisterter Neugier. „Seit der Jahrhundertwende wurde dem Begriff Zeitgenössische Musik eine neue Dimension hinzugefügt. Das zwanzigste Jahrhundert ist vorbei, eine neue Zeit ist angebrochen. Dieses Gefühl konnte man beim Konzert von ensemble Intégrales in Eindhoven bekommen...“ so die niederländische Presse. Über 12 Jahre schon faszinieren ensemble Intégrales’ hervorragende Interpretationen und seine kreative Neugier die Freunde der zeitgenössischen Musik. Seit seiner Gründung hat sich das Ensemble international einen exzellenten Ruf für seine Aufführungen neuer Kammermusik aufgebaut. ensemble Intégrales tritt in ganz Europa, den USA und Asien auf und wird zu renommierten Festivals wie u. a. den Berliner Festwochen, dem Bodenseefestival (D), dem Gaudeamus Festival (NL), den Bregenzer Festspielen und Wien modern (A) oder auch dem Fadjr-Festival (Iran) oder „Roaring Hooves“ (Mongolei) eingeladen. ensemble Intégrales arbeitet interdisziplinär in den Bereichen Performance, Live-Elektronik, Musiktheater und Film. Von der enormen Bandbreite des Repertoires zeugen etliche CD-, Radio- und Fernsehproduktionen. Charakteristisch für die Programme nicht nur Ihrer eigenen Konzertreihen in Bremen (seit 2004) und Hamburg (ab 2005/6) ist die besondere Sorgfalt in der dramaturgischen und konzeptionellen Arbeit. Die Konzerte reflektieren den Reichtum, die Vielfalt und eigene Schönheit der neuen Musik. Die undogmatische Haltung, stilistische Vielfalt, Virtuosität und nicht zuletzt Freude am Spiel teilen sich dem Publikum unmittelbar mit. Mit den Komponisten, die die Musiker oft mehrfach zu neuen Werken inspirieren, verbindet ensemble Intégrales ein fortdauernder kreativer Dialog. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei vor allem auch der jungen Generation. So gelangen bei diesem Konzert Werke des österreichischen Komponisten Wolfram Schurig und des Berliner Komponisten Phillip Maintz zur Uraufführung. Letzteres wurde als Auftragswerk der Sammlung Essl für das SCHÖMER-HAUS komponiert. Die enge Zusammenarbeit trägt Früchte, wie die Irish Times anlässlich eines ensemble Intégrales’ Konzert in Belfast im März 2003 schrieb, wo ausschließlich speziell für das Ensemble geschriebene Werke aufgeführt wurden: „Mit Hingabe und Leidenschaft...Die Vitalität von beidem, dem Spiel und der Musik, verspricht Gute für die Zukunft der neuen Musik.“
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Updated: 18 Nov 2005