Konzert am 18.11.2000
Ich bin auf einen Satz Leonardo da Vincis in seinem Trattato della Pittura, der Gedankensammlung des großen Toskaners über die Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft, gestoßen. Am Beginn des Teils, der als paragone delle arti (Vergleich der Künste) bekannt ist, denkt Leonardo über den Unterschied zwischen den Künsten nach, und obwohl sein Ziel begrenzt ist (er versucht, die Malerei in den Rang einer Wissenschaft zu erheben und sie somit in die Künste des Triviums und des Quadriviums einzuschließen), formuliert er die Definition der Musik als «Darstellung des Unsichtbaren» («figurazione dell'invisibile»). Diese Definition erinnert sehr stark an die Forderung von Paul Klee, was die Aufgaben der modernen Kunst sein sollen: «... nicht das Sichtbare wiederzugeben, sondern sichtbar zu machen ...». Seine Definition ist mir heute so sehr wichtig, weil unser Leben von der Visualisierung, dem Bild, dem Look dominiert wird, das heißt von dem, was man sieht und nicht auch von dem, was man nicht sieht (auch in diesem Fall ist mir die italienische Sprache sehr zunutze; auf italienisch hat das Wort «sentire» im Sinne von hören, wahrnehmen von Klängen, Geräuschen usw. die gemeinsame Etymologie mit «sentire» im Sinne von spüren, von Gefühl und Empfindung. Also schon dem Wörterbuch nach ist das klangliche Element für das Erlebnis absolut primär ...). Die Aufgabe der Musiker dieser Epoche, von der Luigi Nono sagte, sie sei von der «Tragödie des Zuhörens» charakterisiert, ist also keine kleine. Ich versuche nun herauszufinden, ob ich vielleicht in meinen Werken so beglückt worden bin, dieses Unsichtbare, von dem Leonardo spricht, darstellen zu können, oder, wie George Steiner wiederum sagt, in dieser «terra incognita» anzukommen. In diesem Sinn stellt studio n. 1 den Beginn einer tiefen Revision meines Werkkatalogs dar, der zu mehr Wesentlichkeit tendieren möchte. Formal ist studio n. 1 von kurzen Episoden charakterisiert, fast kleinen «Geschichten», die sich nach und nach miteinander verbinden. Ich möchte damit zeigen, wie sich Augenblicke auch in Linien verwandeln können - eine wichtige Voraussetzung, um Figuren zu umreißen - und wie auch aus dem Zersplitterten langsam eine Kontinuität entstehen kann. Diese Kontinuität bildet den Ausgangspunkt einer neuen Erzählweise, eines neuen Bedürfnisses, Willens und einer neuen Fähigkeit, etwas zu sagen. Wie in einer musica reservata, in der sich die Vorzeichen des Madrigales verstecken. Das Stück ist in zwei Teile gegliedert, die sich nach einem chaotischen und aggressiven Beginn langsam beruhigen und orientieren. Der erste Teil entwickelt sich zu einer langen, fast «symphonischen» Phrase, in der auch das Ensemble seine «Kollektivität» findet. Diese Phrase wird vom Anfang des zweiten Teils unterbrochen (ebenfalls aggressiv und zerstreuend, aber kürzer im Vergleich zum Beginn des Stückes) und läßt nach und nach kurze Soloepisoden hervortreten ... der augenblickliche, momentane Charakter des Anfangs wird immer weiter entfernt ... Figurazione dell'invisibile - studio n. 1 ist dem ensemble recherche gewidmet. (Alessandro Melchiorre)
Alessandro Melchiorre (* 1951 in Impuria/Italien)
«Für jedes Stück möchte ich das Material und die Beziehungen der Intervalle aufeinander wieder neu kreieren. Das Komponieren würde mich nicht mehr interessieren, wenn ich das Gefühl hätte, ich würde ein schon erprobtes Konzept reproduzieren und nicht einen Schritt weiter gehen. Sicherlich hängen einige Stücke sehr deutlich zusammen, indem die gleichen Gedanken fortgeführt werden, doch erscheinen sie stets in einem ganz neuen Licht.» «Ein im voraus entworfenes Konzept führt in jeder der verschiedenen Phasen einer Komposition zu immer neuen Reibungen mit dieser. Daher lote ich das Verhältnis von formalen Konzepten zum subjektiven Ausdrucksbedürfnis ständig aus, um das Konzept zu ändern oder sogar zu brechen. Ich folge ihm also nicht sklavisch, sondern behalte mir in jedem Moment die Freiheit einer Entscheidung vor. Somit werden die Brüche eines Konzeptes fast wichtiger als das Konzept selbst, da mich diese womöglich in eine Region entführen, in die ich sonst nicht gekommen wäre.» (Beat Furrer)
Beat Furrer (* 1954 in Schaffhausen/Schweiz)
Das Stück ist emotional wie auch strukturell einem kurzen Text der italienischen Schriftstellerin Amelia Roselli nachempfunden. In zwei sich antithetisch gegenüberstehenden Sätzen reflektiert es die lyrische und zugleich die rein ästhetische Dimension dieses Textes: «Ha le dita prese dal fastidio la luna, piena la notte, incomoda giù per i balconi nuovi. È tremante il quartiere d'ingiuria. La collina sciopa il nodo del sole.» «Die Finger des Mondes sind von Ekel ergriffen, es ist tiefe Nacht, unbequem, durch die neuen Balkone hinunter. Das (Stadt-)Viertel zittert vor Beleidigung. Der Hügel löst/zerstört die Fessel der Sonne.»
Emilio Pomàrico (* 1922 in Buenos Aires).
Nach-Ruf ... entg-leitend... ist eine weitere Auseinandersetzung mit den Intervallen der Teiltonreihe. Während in früheren Arbeiten dieTonhöhenstruktur vorwiegend durch Veränderungen der Instrumente determiniert wurde (umgestimmte Saiten der Streichinstrumente in der Kammeroper Nacht und im Ersten Streichquartett, Umstimmen des Klaviers im Improvisationsstück NICHTS), wird in Nach-Ruf ... ent-gleitend... die mikrotonale Intonation ausschließlich der Kontrolle der lnterpreten überlassen.Obertonakkorde (nur selten über den elftenTeilton hinausgehend) und Ausschnitte daraus bilden einen Kontrast zu engstufigen, schwebungsreichen Fortschreitungen und Zusammenklängen. Schwebungen bilden meinem Verständnis nach nicht nur einen Gegensatz, sondern auch eine logische Konsequenz von Obertonklängen: Sobald zu einem Obertonakkord ein zweiter hinzutritt und die beiden Fundamentaltöne nicht in einem extrem einfachen Schwingungsverhältnis zueinander stehen, muß es schon aus mathematischen Gründen zu Schwebungen zwischen den höheren Teiltönen kommen. Aber auch, wenn nur ein einziger Obertonakkord gespielt wird, entstehen im Spektrum realer Instrumentalklänge zwangsläufig Schwebungen innerhalb der höheren Teiltöne, bedingt durch die unvermeidbaren winzigen Tonhöhenschwankungen. Diese Schwebungen, die den Reiz und die klangliche Qualität dieser Klänge mit verursachen, werden wie mit einer Lupe betrachtet und in den Vordergrund gestellt. Melodische Gestalten in temperierten (halb- und vierteltönigen) Skalen bilden fremde Elemente dazu, Gesten des «Nach-Rufens» und des «Entgleitens», als Einschübe gleichermaßen Appendix und Ikone, aus dem Schatten der Schwebungen heraustretend oder dem Zerbrechen der scheinbar statisch beharrenden Obertonakkorde nachfolgend... ...Multiphonics der Rohrblattinstrumente als Deformation der Obertonreihe (oder vice versa die Obertonreihe als Deformation der Multiphonics?)... Die Form folgt der an Alois Hába geschulten Technik der a-thematischen Komposition, gehorcht nicht einem architektonischen Plan, sondern entwickelt sich wie ein Lebewesen, das organisch wächst, ausschließlich durch das subjektive Empfinden des Autors bedingt. Wo es sinnstiftende Intervallzusammenhänge gibt, werden diese als Zitat historischer Kompositionstechniken eingesetzt. (Georg Friedrich Haas)
Georg Friedrich Haas (* 1953 in Graz)
Das 1984 gegründete ensemble recherche hat sich in den letzten Jahren zu einem der gefragtesten europäischen Ensembles der Musik des 20. Jahrhunderts entwickelt. Schwerpunkte des fast ausschließlich kammermusikalischen Repertoires sind die Zweite Wiener Schule, Wieder-Entdecktes der ersten Jahrhunderthälfte und Stücke der Darmstädter Schule mit besonderer Berücksichtigung des Themenkreises "Offene Form". Zahlreiche Werke, die für das Ensemble geschrieben wurden, zeugen von kontinuierlicher Zusammenarbeit mit Komponisten. Das ensemble recherche spielt jährlich 60 bis 70 Konzerte in ganz Europa, viele davon bei internationalen Festivals, und hält Seminare und Kurse mit und für Komponisten und Instrumentalisten. Es produziert zwei bis drei CDs pro Jahr, die meisten davon in Zusammenarbeit mit Rundfunkanstalten. Die künstlerischen und wirtschaftlichen Entscheidungen werden von den zehn Mitgliedern, acht Musiker und drei Organisatoren, gemeinsam getragen. Für die offensive Vermittlung neuer Musik erhielt das Ensemble mehrere Preise und Anerkennungen: den Förderpreis der Siemens-Stiftung (1994), den Schneider-Schott-Musikpreis (1995) und den August-Halm-Preis (1996). Im September 1997 wurde dem Ensemble der Rheingau-Musikpreis verliehen. Das ensemble recherche wird von der Stadt Freiburg und dem Land Baden-Württemberg gefördert und ist Mitglied der "Fondation 3" (gemeinsam mit Court-Circuit, Frankreich und BIT 20, Norwegen). Seit 1992 sind folgende CDs erschienen: Dallapiccola, Feldman I & II, Grisey, Roman Haubenstock-Ramati, K. Huber, Krenek, Lachenmann I & II, Nono, Pagh-Paan, W. Rihm I & II, Schöllhorn I & II, Schwehr, Sciarrino, Spahlinger I & II, Steinke, Wolpe, B.A. Zimmermann und Lichtspielmusik. In Vorbereitung sind CDs von Nikolaus A. Huber, Wolfgang Rihm (III), Salvatore Sciarrino (II) und Walter Zimmermann.
Barbara Maurer, Viola
Lucas Fels, Violoncello
Martin Fahlenbock, Flöte
Shizuyo Oka, Klarinette
Jaime Gonzalez, Oboe |
|
Updated: 10 Dec 2001