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POETICALL MUSICKE
Neue und alte Musik für Viola da Gamba
Mi, 21.10.2009, 19:30
Essl Museum
- Eva Reiter: Viola da Gamba
Eva Reiter
Foto © by Moritz Schell
Programm
- Carlo Inderhees: Acht Minuten
- für Viola da Gamba, 2007
- Diego Ortiz: Recercada Segunda
- aus: Tratado de glosas sobre clausulas y otros generos de
puntos en la musica de violones, Rom 1553
- Tobias Hume: Loves Farewell
- aus: Captaine Humes Musicall Humours, 1605
- Diego Ortiz: Recercada Primera
- Tobias Hume: Captaine Humes Pavan
- Carlo Inderhees: Interludium
- Mr de Sainte Colombe: Sarabande – Double de la Sarabande
- aus: Recueil de Pièces pour Basse de Viole, 1690
- Diego Ortiz: Recercada Quarta
- Anonymus: What if A Daye
- aus: Manchester Lyra-Viol Manuscript, 17. Jhdt
- Gerd Kühr: The Violl Waye
- für Viola da Gamba, 2009
Zum Programm
POETICALL MUSICKE – der Titel dieses Programms für Viola
da Gamba solo, in dem Klänge der englischen und italienischen
Renaissance auf aktuelle Musik von Gerd Kühr und Carlo Inderhees
treffen, ist inspiriert durch eine der großen Musikerpersönlichkeiten
der englischen Renaissance, Tobias Hume. Poeticall Musicke,
poetische Musik also, kann aber auch sinnbildlich verstanden werden,
denn dass Musik im besten Falle damals wie heute eine bestimmte
Poetik innewohnt, eine wie immer konturierte Geschichte in Klängen
erzählt, mag als eine wesentliche Voraussetzung für das
Erleben von Musik angesehen werden.
Dass die Poesie der Musik dieses Programms fast in eins fällt
mit der Poesie der Zeit und also sehr viel mit der Wahrnehmung
von Zeit zu tun hat, wird hier viel weniger als gemeinhin überraschen
– und zwar in mehrfacher Hinsicht: Musik braucht ihre Zeit,
Musik selbst hat ihre eigene Zeit, und schließlich ist Musik
Ausdruck ihrer Zeit. Sie kommt aus dem vermeintlichen Nichts –
etwa wie in den Stücken von Carlo Inderhees, dessen Komposition
für Viola da Gamba den Beginn des Solokonzertes bildet –
und kehrt am Ende wieder dorthin zurück. Musik vergeht, Zeit
vergeht, Zeit wird gestaucht oder sie wird geschichtlich perforiert,
wie in Gerd Kührs Arbeiten, aber was geschieht in den Zwischenräumen?
Ist die Musik wirklich erst „da“, also bei uns, den
Hörern, wenn der erste Ton – der erste Ton der Gambe
– erklingt? Oder klingt nicht bereits die so genannte „vox
humana“, auch wenn wir das angenommene „Nichts“
meinen zu hören?
Aus dieser Grundbefangenheit heraus gestaltet der deutsche Komponist
Carlo Inderhees seine auf den ersten Eindruck äußerst
reduzierte, um nicht zu sagen „einfache“ Musik. Sie
ist scheinbar bar jeder Komplexität. Stille – ein Ton
– ein Klang – lange Stille. Aber es geschieht dies:
Der Blick des Betrachters, oder besser: das Ohr des Hörers,
kann sich ganz konzentrieren auf den Einzelklang, auf das einzelne
Klangphänomen – einen schlichten Zweiklang vielleicht
–, auf die recht singuläre Hörs-tuation. Und ob
die Musik von Carlo Inderhees will oder nicht – sie ist
von ihrem Autor keinesfalls in diesem Sinne konzipiert –,
bereitet sie doch einen sehr speziellen Rahmen, einen zutiefst
intimen Raum, in den sich die Musik vergangener Epochen einzulagern
vermag. In diesem Sinne bekommt „Zeit“ zunehmend noch
ein anderes Verständnis: Die neue Musik, eine Musik unserer
unmittelbaren Gegenwart – denn die Musik von Carlo Inderhees
und Gerd Kühr wurde 2007 und 2009 komponiert – reißt
einen Raum auf, der „Vergangenheit“ scheinbar problemlos
überwindet. Wenn es gelänge, Musik eben nicht zeitgebunden
zu hören, dann werden die drei sehr unterschiedlichen Gegenwartsmusiken
gleichzeitig neben der linearen Melodiefolge der Ricercari von
Diego Ortiz, neben dem akkordischen Denken eines Tobias Hume und
der virtuos geführten Harmonik von Sainte Colombe gehört
– und letztlich wird alles zu einer Frage von Dichte, Leere,
Bewegung und Stillstand werden. Das Zeit überschreitende
Phänomen des heutigen Programms gibt sich auf den zweiten
Blick also als ein solches von unterschiedlichen Graden „komplexer“
Musik zu erkennen. Aber ist Stille, Nicht-Erklingen, Leere, Stillstand
nicht auch komplex? (Eva Reiter)
Biographien
Carlo Inderhees wurde 1955 in Ostdeuschland geboren, studierte
in Cottbus und Dresden, ehe er vor allem als Pianist experimenteller
und improvisierter Musik in Erscheinung trat. Nach einigen Jahren
in Köln und Düsseldorf lebt und arbeitet er heute in Berlin.
Im Laufe der Jahre hat er zu einer musikalischen Sprache gefunden,
die ausgedünnt, sehr sparsam und konzentriert ist. Jegliche
Form der musikalischen Bewegung, dynamischen Entwicklung und Agogik
wurden gleichsam wegkomponiert, um die Aufmerksamkeit auf das schlichte
Phänomen des Klanges und den instrumentalen Einzelklang zu
richten. Im ersten und letzten Stück des Programms erklingt
eine schlichte Abfolge von Tönen, Tonzusammenklängen und
Stille. Die Stille als Moment des Nichtklanges ist der Musik von
Inderhees gleichberechtigt. Über weite Strecken werden Melodien
und harmonische Entwicklungen hörbar und lassen sich musikalische
Zusammenhänge, fast schon Parallelen zur Alten Musik erahnen.
Gerd Kühr wurde 1952 geboren und zählt heute
ohne Frage zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten
Österreichs. Er absolvierte sein Kompositionsstudium am „Mozarteum“
Salzburg bei Josef Friedrich Doppelbauer und Hans Werner Henze
in Köln, das Dirigierstudium bei Gerhard Wimberger und Sergiu
Celibidache. Opernengagements führten ihn nach Köln
und Graz, zahlreiche Dirigate übernahm er im In- und Ausland.
1992-94 hatte Gerd Kühr eine Gastprofessur für Komposition
am „Mozarteum“ inne, seit 1995 ist er Professor für
Komposition und Musiktheorie an der Universität für
Musik und darstellende Kunst Graz. Gerd Kührs Arbeit wurde
durch mehrere Preise und Auszeichnungen international gewürdigt,
u. a. durch den Förderpreis der Ernst von Siemens Mu-sikstiftung,
den Österreichischen Förderungspreis für Musik,
das Rolf-Liebermann-Stipendium für Opernkomponisten und den
Ernst-Krenek-Preis der Stadt Wien.
Eva Reiter wurde in Wien geboren. Studium der Blockflöte
und Viola da Gamba an der Universität für Musik und
darstellende Kunst in Wien. Diplom mit Auszeichnung. Fortsetzung
beider Studien am Sweelinck-Conservatorium in Amsterdam. Beide
Masterdiplome „cum laude“. Derzeit rege Konzerttätigkeit
als Solistin sowie Auftritte mit verschiedenen Barockorchestern
(u. a. De Nederlandse Bachvereeniging), Ensemble
Mikado, Le Badinage
, Unidas und Ensembles für zeitgenössische Musik (Ictus,
Klangforum Wien, Trio Elastic3, Duo Breitband u.a.).
Als
Komponistin mit dem «Publicity Preis» der SKE, dem
Förderungspreis der Stadt Wien 2008, dem Queen Marie José
International Composition Prize 2008 sowie weiteren Förderungen
ausgezeichnet. Ihre Komposition Alle Verbindungen gelten nur
jetzt zählt zu den ausgewählten Werken des Rostrum
of Composers (IRC) 2009. Eva Reiter brachte ihre Kompositionen
bei internationalen Festivals wie Transit/Leuven, Ars Musica/Brüssel,
ISCM World New Music Festival 2006/Stuttgart, generator und Wien
Modern/Wiener Konzerthaus u.a. zur Aufführung. Sie tritt
regelmäßig bei namhaften Festivals für Alte und
Neue Musik auf.
Die Lebensdaten des spanischen Komponisten Diego Ortiz
liegen weitgehend im Dunkeln, doch erscheint er im Jahre 1553
als „maestro di cappella“ am Hof des Herzogs von Alba.
Er weilte dort fünfzehn Jahre lang, wobei er über eine
vorwiegend spanische Musikerschar gebot. Während dieser Zeit
gab er eine Anzahl geistlicher Kompositionen heraus, am wichtigsten
ist jedoch seine Schrift „Tratado de glosas“ (1553),
die als wichtigste Quelle für die musikalische Aufführungspraxis
des 16. Jahrhunderts gilt. Die instrumental komponierten Ricercari
sind beeinflusst von der musikalischen Form der Motette. Sie bestehen
aus einer losen Aneinanderreihung von Durchführungen, in
denen jeweils ein anderes Thema vorherrscht. Im Laufe der Zeit
reduziert sich die Anzahl der Themen, bis schließlich das
Ricercar mit einem Thema nahtlos zur Fuge führt. Das Ricercar
ähnelt der Fantasie oder Toccata; im freien Präludieren
wird die Tonart des nachfolgenden Stücks aufgesucht.
„Ich bin weder Meister der Beredsamkeit noch der Musik,
jedoch liebe ich die feinen Sinne und habe eine Vorliebe für
Harmonien; mein Beruf und meine Erziehung galten nämlich
den Waffen, und die einzige weiche Seite meiner selbst war stets
die Musik“, so beschreibt Tobias Hume die
zwei Seelen in seiner Brust. Der exzentrische englische Komponist
verdiente sich seinen Lebensunterhalt nämlich nicht mit seiner
Kunst – er war leidenschaftlicher Gambenspieler –,
sondern als Soldat und Söldner. Mit seinen beiden Sammlungen
„Captain Humes Musicall Humors“ und „Captain
Humes Poeticall Musicke“ schuf Hume einen ganzen musikalischen
Kosmos vielfältigster Stimmungen und Ideen. Titel wie „Death“,
„Life“, „Captain Humes Lamentations“ und
„Loves Farewell“ sind genauso zu finden wie „Tobacco“
– ein Loblied auf den Tabak – oder „Lesson for
two to play upon one Viole“, in dem ein Musiker auf dem
Schoß des anderen sitzt und beide auf nur einer Gambe spielen.
Auch seine Erfahrungen als Soldat verarbeitet Hume: „Souldiers
Resolution“ beschreibt eine Schlacht vom Aufmarsch bis zum
Rückzug der Kämpfenden. In Anlehnung an die weit verbreitete
Tradition der Lautenlieder und Solostücke für Laute
übertrug er diese Form auf das von ihm so sehr geschätzte
Instrument. Hieraus ergab sich eine vornehmlich akkordisch komponierte
Musik. Vielfach wurden bekannte, einfache Melodien allgemeinen
Liedguts als Grundlage virtuoser Variationen verwendet, wie dies
in „Loves Farewell“ und dem von einem anonymen Komponisten
entstandenen „What If A Daye“ der Fall ist.
Die tatsächliche Identität Sainte-Colombes konnte
bisher nicht eindeutig geklärt werden. Es scheint jedoch,
dass er zumindest eine Zeit lang in Paris gelebt und gelehrt hat,
sein Vorname Jean und der Theorbist Nicolas Hotman (einer) sein(er)
Lehrer war. Ansonsten ist wenig über ihn bekannt, da kaum
zeitgenössische Quellen erhalten sind. Dennoch gilt er als
einer der begnadetsten Gambisten seiner Zeit. Sein Schüler
Jean Rousseau bezeichnete sein Spiel als „perfekt“.
Sein Schüler Marin Marais komponierte 1701 mit dem Gamben-Stück
„Tombeau pour Monsieur de Sainte-Colombe“ („Grabmal
für Monsieur de Sainte-Colombe“) einen musikalischen
Nachruf auf seinen Lehrer, dessen Gambenmusik aus dem heutigen
Repertoire nicht mehr wegzudenken ist. Sainte-Colombe wird die
Hinzufügung der siebten Saite (Kontra-A) zur Bassgambe, dem
wichtigsten Soloinstrument aus der Familie der Gamben, zugeschrieben,
um dem Instrument auf diese Weise größeren Tonumfang
und mehr Ausdrucksvermögen zu verleihen. Obwohl Sainte-Colombes
„Sarabande“ das jüngste Bindeglied zwischen Alter
und Neuer Musik des Programms darstellt, erscheint sie doch zugleich
eigenartig entfernt. In ihrem Gestus ein Paradebeispiel für
die verspielte, hypertrophe Manieriertheit französischer
Provenienz, ist diese „Sarabande“ doch auch ein höchst
dichtes, konzentriertes, bewegtes, ja komplexes Stück Musik.
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