Thomas Morley/William Byrd: La Volta (Fitzwilliam Virginal
Book)
Karlheinz Essl: Sequitur
V für Toy Piano und Live-Elektronik
Das Programm des heutigen Abends ist vom Saisonthema BACK AND
FORTH inspiriert und wurde speziell dafür von der Pianistin
Isabel Ettenauer zusammengestellt: Neue Werke für Spielzeugklavier
(u.a. die erstmalige Gesamtaufführung von Karlheinz Essls
Kompositionen für dieses Instrument) wechseln sich mit Renaissance-Stücken
aus dem Fitzwilliam Viriginal Book ab.
Das Fitzwilliam Virginal Book ist die umfangreichste
historische Sammlung von Cembalo-Musik des späten 16. und
frühen 17. Jahrhunderts in England. Über die Entstehung
herrscht Ungewissheit. Ende des 18. Jahrhunderts nahm man an,
es handelte sich um Queen Elizabeth's Virginal Book. Dies wurde
inzwischen widerlegt, da die musikbegeisterte Monarchin nicht
über die technischen Fähigkeiten verfügt haben
soll, um die anspruchsvollen Werke zu spielen, außerdem
viele Werke erst nach ihrem Tod (1603) entstanden sind. Möglicherweise
hat der englische Komponist Francis Tregian (c.1574-1619) die
Werke gesammelt, da sein Name immer wieder im Buch vorkommt. Dass
sich der verfolgte Katholik die Zeit während seiner zehnjährigen
Inhaftierung im Fleet-Gefängnis mit dem Abschreiben der Noten
vertrieb, hatte sich auch längere Zeit als Gerücht verbreitet.
Seinen Namen erhielt das Fitzwilliam Virginal Book, nachdem es
über den aus Deutschland stammenden englischen Komponisten
Johann Pepusch in den Besitz des Kunstmäzens Richard FitzWilliam
kam, der seine gesamte Bücher- und Kunstsammlung dem von
ihm 1816 gestifteten Fitzwilliam Museum in Cambridge vermachte.
Dort befindet sich auch heute noch das Fitzwilliam Virginal Book.
Die Sammlung enthält an die 300 Werke von fast allen bedeutenden
Komponisten der elisabethanischen Zeit, die für Tasteninstrumente
geschrieben haben, so u.a. William Byrd (1543-1623), John Bull
(1563-1628) und Giles Farnaby. William Byrd gilt als der bedeutendest
Komponist seiner Zeit. Er schuf ein großes Werk von über
500 Komponisitionen, darunter v.a. Chormusik wie Motetten, Psalmen,
Madrigale, Messen, aber auch viele Werke für Tasteninstrumente.
Er war Organist der Chapel Royal in London und erhielt gemeinsam
mit Thomas Tallis das Privileg des Monopols für Notendruck
von Queen Elisabeth I. Zu seinen Schülern zählten u.a.
Thomas Morley.
Die für diesen Abend ausgewählten Werke wurden so
ausgesucht, dass sie mit dem Tonumfang des größten
Toy Pianos (3 Oktaven) auskommen oder wurden mit minimalen Adaptionen
speziell von Isabel Ettenauer dafür eingerichtet.
Karlheinz Essl: Kalimba (2005)
Für sein erstes Toy Piano-Werk verwendete Karlheinz Essl
eine Playback-CD, um die Klangwelt des Toy Pianos zu bereichern.
Die Känge der CD kommen wiederum vom Toy Piano selbst. Eines
Tages besuchte ich Karlheinz in seinem Studio, wo er Aufnahmen
von meinem Spiel eines bestimmten Materials machte (das ganze
Werk basiert auf einer Achttonskala mit alternierenden Ganz- und
Halbtonschritten). Diese Aufnahmen verarbeitete der Komponist
später mit einem seiner selbst erfundenen Computer-Programme.
Das Resultat ist ein unerwartet voller Klang. Die Uraufführung
von Kalimba fand beim Komponistenforum Mittersill (A) am 15. September
2005 statt.
Karlheinz Essl (geb. 1960) studierte Musikwissenschaften
und Kunstgeschichte an der Universität Wien sowie Komposition
bei Friedrich Cerha und elektro-akustische Musik bei Dieter Kaufmann.
Er arbeitet als Komponist, Medienkünstler, Elektronik-Performer,
Musikkurator und Kompositionslehrer und hat ständige Auftritte
als Live-Performer mit seinem selbstentwickelten computer-basierten
Meta-Instrument m@ze°2. www.essl.at
Tom Johnson: Kleine Choräle für kleines Klavier
(2005), Auswahl
Nachdem ich einige seiner Klavierwerke sowohl am Klavier als
auch am Toy Piano aufgeführt hatte, fragte ich Tom Johnson
im Sommer 2005, ob er Lust hätte, einmal ein Originalwerk
für Toy Piano zu komponieren. Kurz darauf schickte er mir
eine Reihe rationaler Melodien mit einem Tonumfang von nur einer
Oktav plus einer Quart. Die sieben Kleinen Choräle für
kleines Klavier wurden zu einer Herausforderung, da auf den meinsten
Toy Pianos die inneren Stimmen der Harmonien nicht leicht hörbar
sind. In den letzten Jahren ist meine Toy Piano-Sammlung aber
derart gewachsen (derzeit umfasst sie 26 Instrumente), dass inzwischen
ein Instrument gefunden werden konnte, das dem Stück besonders
entgegenkommt.
Tom Johnson wurde 1939 in Colorado geboren und studierte
an der Yale University sowie privat mit Morton Feldman. Nach 15
Jahren in New York übersiedelte er nach Paris, wo er seit
1983 lebt. Er wird als Minimal-Komponist angesehen, da er mit
einfachen Formen, limitierten Skalen und im allgemeinen mit reduziertem
Material arbeitet, doch seine Herangehensweise ist viel logischer,
als die der meisten Minimalisten, da er Formeln, Permutationen
und vorhersehbare Sequenzen benützt. tom.johnson.org
Matt Malsky: heterogeneous (2007)
Heterogeneous ist ein Perpetuum mobile. Der Komponist schrieb
das Stück nach einer längeren Auseinanderwetzung mit
Bachs Cello-Suiten, die als Inspiration dienten. Es gibt zusammengesetzte
Melodien und wenige Bezeichnungen, was Dynamik oder Artikulation
betrifft. Malsky überlässt die Phrasierung dem Interpreten,
wobei die Elektronik bestimmte Aufführungspraktiken impliziert.
Matt Malskys (geb. 1961) kompositorischer Stil wird
von seiner rhythmischen Vitalität, dramatisch gestaltetet
Gesten, melodischer Kantigkeit und Ironie charakterisiert. Malsky
ist Kompositionslehrer an der Clark University (Worcester, MA),
wo er auch Direkt des Computer Music Studio ist. Außerdem
ist er Co-Direktor des Extensible Toy Piano Projects, das neue
elektroakustische Werke, die das Toy Piano als Ausgangspunkt nehmen,
anregt.
Karlheinz Essl: WebernSpielWerk (2005)
Am 15. September 1945 wurde Anton Webern in Mittersill, wohin
er sich vor der herannahenden Roten Armee geflüchtet hatte,
von einem amerikanischen Besatzungssoldaten in vermeintlicher
Notwehr erschossen. Damit endete das Leben eines der einflussreichsten
Komponisten der Moderne auf unfassbare und tragische Weise.
60 Jahre später - am 15. September 2005
- fanden im Rahmen des 10. Komponistenforums Mittersill zwei Gedenkveranstaltungen
für Anton Webern statt: für eine Aktion im öffentlichen
Raum hat Karlheinz Essl eine algorithmische Klanginstallation
- das WebernUhrWerk für computer-gesteuertes Carillon - geschaffen;
für das anschließende Gedenkkonzert in der St. Annakirche
schrieb er das WebernSpielWerk für Toy Piano, das eine Art
Projektion der Carillonmusik auf ein Spielzeugklavier darstellt.
Der durchdringende Charakter des Carillons, der am Nachmittag
den ganzen Ort erfüllt hat, wird reduziert auf die "arme"
Klangwelt eines Spielzeugklaviers, dessen durch angeschlagene
Metallstäbe erzeugter Klang dem einer Glocke ähnelt
- jedoch viel zurückhaltener und intimer ist.
Das WebernSpielWerk entstand in den
letzten Augusttagen des Jahres 2005 und ist Isabel Ettenauer gewidmet,
die dieses Werk am 15. September 2005 zur Uraufführung gebracht
hat.
Errollyn Wallen: Louis Loops (1999)
Der Klang des Toy Pianos erinnerte Errollyn Wallen in gewisser
Weise an das Cembalo. Sie beschloss eine ihrer alten Lieben -
die französische Clavecin-Schule - aufzufrischen, in diesem
Falle besonders diese zu Louis Couperin (1626-1661). In Louis'
Loops sind Bruchstücke aus drei Tanzsätzen von Couperin
eingebaut - Courante, Sarabande en Canon und Canaries. Die Komponistin
wollte ein Stück schreiben, das Virtuosität und Verspieltheit
vereinte, so kommen auch immer wieder Kinderliedfragmente vor.
Das Werk wurde für Margaret Leng Tan komponiert und ist Errollyn
Wallens Neffen Louis Wallen gewidmet.
Errollyn Wallen wurde 1958 in Belize geboren und lebt
heute in London. Sie hat eine große Bandbreite an Kompositionen
geschrieben: Orchestermusik, Elektronik, Kammermusik, Ballett,
Oper, Theater und Gesang. Ihre Musik wurde bereits in Konzertsälen,
Nachtclubs, Kirchen, Lagerhäusern, Pubs, Theatern, Kraftwerken,
im Radio und im Fernsehen gespielt. www.errollynwallen.com
Karlheinz Essl: Sequitur V (2008)
Am Abend der Uraufführung von Sequitur V - am 20.
Juni 2008 in der Alten Schmiede in Wien - gab Karlheinz Essl folgende
Erklärung zu seinem neuen Werk ab: "Der Höhepunkt
des heutigen Abends ist die Uraufführung von Sequitur V,
gespielt auf dem kleinsten und groteskesten Instrument, das man
sich vorstellen kann, einem Klavier, das offensichtlich im Wollwaschgang
eingegangen ist und deswegen etwas komisch klingt. Es handelt
sich um ein sogenanntes Spielzeugklavier, ein Instrument, das
ursprünglich für Kinder gedacht ist. [...] Isabel fährt
mit ihren Spielzeugklavieren um die Welt. Vor einiger Zeit hat
sie sich an mich gewandt mit der Frage, ob ich nicht ein Stück
für Toy Piano mit Elektronik schreiben könnte - und
zwar eines, das sie ganz allein selber spielen kann. Dies war
einer der Startzünder für das Sequitur-Projekt.
Bei Sequitur handelt es sich um eine Serie
von Stücken, in denen instrumenten-spezifische Möglichkeiten
ausgelotet und in Echtzeit mit live-elektronischen Klangprozessen
konfrontiert werden. Der Titel (aus dem Lateinischen übersetzt:
„es folgt“) spielt einerseits auf die berühmten
„Sequenze“ von Luciano Berio an; andererseits bezieht
er sich auf das strukturelle Gestaltungsprinzip der Elektronik,
die aus dem instrumentalen Live-Input einen 8-stimmigen Proportionskanon
generiert, der gleichermaßen als Begleitung und Nachhall
des gerade Gespielten wirkt. Darin spiegelt sich die Solistin
vielfach wieder und tritt mit sich selbst in einen vielstimmigen
Dialog."
Isabel Ettenauer performing Sequitur V (2008)
Essl Museum, Klosterneuburg/Vienna, 11 Mar 2009
Pressemeldungen nennen sie herausragend, ungewöhnlich,
spektakulär, beeindruckend: Isabel Ettenauer ist eine junge
Musikerin mit ungewöhnlichem Künstlerprofil. Sowohl
als Pianistin als auch als führende Toy Piano-Virtuosin gewinnt
sie die Herzen ihres weltweiten Publikums. Isabel Ettenauer ist
ein regelmäßiger Gast bei internationalen Festivals
und ist in Konzertsälen in ganz Europa und den USA zu hören.
Höhepunkte der letzten Saisonen waren u.a. Auftritte in der
Wigmore Hall (London), im Konzerthaus (Wien), beim Avignon Festival,
an der Opéra de Lille (beide Frankreich), beim Uovo Performing
Arts Festival (Mailand), beim Ravello Festival (Italien), beim
Making New Waves Festival (Budapest), beim SonoAus Festival (Madrid),
beim Inspiracje Festival Szczecin (Polen), am Rialto Theater Limassol
und im Castelliotissa Nicosia (Zypern), sowie Konzerte in New
York und Washington. Ihr Londoner Toy Piano-Debut bei der BMIC
Cutting Edge Series wurde von mehreren britischen Zeitungen als
"Pick of the Week" ausgewählt.
Ihre einzigartigen Konzerte haben viele KomponistInnen auf der
ganzen Welt angeregt, neue Werke speziell für sie zu schreiben.
Für Isabels Projekt THE JOY OF TOY sind inzwischen mehr als
30 neue Stücke entstanden. Im Juni 2006 wurde Isabel Ettenauers
Debut-Album THE JOY OF TOY (mit neun Kompositionen, die für
Isabel geschrieben wurden) mit dem Pasticciopreis von Radio Österreich
1 ausgezeichnet.
In diesem Jahr gibt es 16 Aufführungen ihres brandneuen
Programms CIRCUS LEBASI bei Linz09, der Kulturhauptstadt Europas,
für das zahlrieiche Komponisten neue Werke komponieren, darunter
Karlheinz Essl, Max Nagl und Matthew Hindson. Isabel Ettenauer
wurde 1972 in St. Pölten geboren. Klavierstudien führten
sie nach Wien, London und in die Schweiz.