Österreichische Musikzeitschrift Juni 1997, Nr. 6

Bizarr und fragil

"Fallstudien" mit dem "ensemble neue musik - wien"



VON CHRISTIAN UTZ

Bei der vom Komponisten Karlheinz Essl betreuten Reihe "Musik im SCHÖMER-HAUS" in Klosterneuburg vernbinden sich Musik, Raum und bildende Kunst zu einem einzigartigen Rahmen. Der Titel eines für das Ensemble Modern geschriebenen Werkes des Berliner Komponisten Orm Finnendahl diente der jüngsten Veranstaltung als Motto. Er ist bei Finnendahl als bewßte Doppeldeutigkeit gesetzt: das ständige Fallen der melodischen Linie ist das allgegenwärtige Strukturprinzip der Komposition, das anhand von vier "Fällen" studiert wird.

Fand die Präzision und Klarheit von Finnendahls Klangorganisation in der genauen und engagierten Wiedergabe des ensemble neue musik - wien unter Clemens Gadenstätter eine adäquate Entsprechung, so schien es sich in der Uraufführung von Gadenstätters Werk Variationen und alte Themen dagegen in einem ausweglosen Dickicht von Struktur und Selbstreflexion zu verirren. Die anfänglich vielversprechend sich entwickelnde Komposition, die in genau kalkulierter Folge musikantische Interaktionen zwischen vier Musikern beschreibt, bleibt dort stecken, wo sie mittels von den Musikern gesprochenen Reflexionsfragmenten ihre eigenen Bedingungen allzu deutlich reflektiert.

Mit Telenovela von Peter Böhm stellte das Ensemble nach der Pause ein ehrgeiziges Multimedia-Projekt mit im Raum verteilten Musikern und Lautsprechern, Live-Elektronik, Performerin und Video vor, bei dem der Output allerdings in keinem Verhältnis zu diesem materiellen Input stand. Einmal mehr war zu erleben, daß die Addition von Perzeptionsebenen und deren Aufteilung im Raum allein nicht ausreichen, um auch ein vielschichtiges Endergebnis zu erzielen.



Updated: 4 Sep 2000

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