Das Werk von Georg Friedrich Haas, das heute zur Aufführung gelangt, ist ein Paradebeispiel für die gelungene Synthese dieser beiden Ausgangspunkte: es bezieht nicht nur den architektonischen Raum als kompositorisches Element mit ein, sondern schafft überdies neuartige harmonische Klangräume, die sich einer aus der Obertonreihe abgeleiteten mikrotonalen Stimmung verdanken. Zudem sprengt dieses Werk die normierten Aufführungssituation des traditionellen Konzertsaales: es beginnt bereits, bevor das Publikum den Raum betritt, und setzt anstelle einer exakt ausgearbeiteten Partitur ein offenes System von Spielanweisungen, die durch improvisatorische Mitteln zum Klingen gebracht werden. In diesem Sinne ist der heutige Abend weniger als Konzert, sondern viel mehr als konzertante Klanginstallation zu verstehen, die meditativ erfahren werden kann.
Ute Pinter NICHTS 1998 haben sich auf Einladung des Kulturzentrums bei den Minoriten in Graz mehr als 20 KünstlerInnen und TheoretikerInnen dieses Themas angenommen, mögliche Zugänge und Annäherungen in musikalischer, literarischer, bildender und theoretischer Weise und als Performance gesucht.
Georg Friedrich Haas wählte als Ausgangspunkt seiner Komposition keinen ästhetischen, keinen philosophischen, keinen religiösen. Haas schrieb in seiner Komposition „NICHTS“ gegen das NICHTS an.
„NICHTS“ entstand 1998 auf Anregung von Ute Pinter für eine Veranstaltungsreihe im Rahmen des Kulturzentrums Minoriten in Graz. Das Stück enthält Improvisationselemente und ist als Verbalpartitur notiert. Das Klavier ist teilweise mikrotonal umgestimmt, sodass die beiden Partialtonreihen des Kontra-As und des Kontra-G bis zum 11. bzw. 17. Teilton gespielt werden können. Die davon nicht betroffenen Tonhöhen erklingen in temperierter zwölftöniger Stimmung. Im Mittelpunkt von „NICHTS“ steht das slowenische Wallfahrtslied „Farmani in romarji“, das erst am Ende wahrnehmbar zitiert wird. „Farmani in romarji“ ist der Volksliedsammlung “Vsaka vas ima svoj glas” (Celovec, 1991), herausgegeben von Engelbert Logar – der mir auch in Gesprächen wertvolle Hinweise und Anregungen vermittelt hat - entnommen. „NICHTS“ ist dem Gedenken an die Deportationen und an die Gewalt gewidmet, die an Angehörigen der slowenischen Volksgruppe in der Steiermark durch die Nazis ausgeübt wurde – ein Thema, dessen historische Aufarbeitung noch aussteht.
Ute Pinter: Die Geschichte Österreichs ist geprägt durch die Haltung des Verdrängens, Vergessens, nicht wissen Wollens. Deine Komposition NICHTS war als Musik gegen dieses Vergessen gedacht. Im konkreten Fall eines weiteren Kapitels unaufgearbeiteter Geschichte, der Verfolgung slowenischer Minderheiten in der Steiermark. Ein konkretes Schicksal als Ausgangspunkt für das Unbegreifliche schlechthin? Georg Friedrich Haas: Volkszählungsergebnisse des 19. Jahrhunderts belegen, dass die Steiermark damals ein zweisprachiges Land mit fließender Sprachgrenze war. Heute ist vom Slowenischen quasi nichts mehr vorhanden. Diese auch sprachliche Germanisierung ging speziell von deutschnationalen bürgerlichen Kreisen aus. Und dieses Bürgertum ist weitgehend wiederum im Nationalsozialismus aufgegangen. Dessen antisemitischen Wurzeln sind bekannt, die antislowenischen wurden nicht nur verschwiegen, sondern als “Grenzlandideologie” weitergeführt. NICHTS reflektiert diese konkrete Thematik der Verfolgung slowenischer Minderheiten und ist darüber hinaus natürlich auch ein Ausdruck für das bewußte Vergessen schlechthin. Als ich 1998 den Kompositionsauftrag zum Thema NICHTS vom Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz bekommen habe, hätte sich bei dieser Thematik freilich auch schnell ein anderer Einstieg finden lassen können, etwa in Richtung buddhistischer Erlösungsphilosophien. Aber schon damals spürte ich demgegenüber ein Unbehagen, das sich nunmehr in der aufgedeckten Verbindung von Buddhismus und Nationalsozialismus bestätigt. Aber: Verdrängtes schafft und wird sich Ausdruck schaffen, lässt sich nicht auf Dauer vergessen!
GFH: Prinzipiell glaube ich, dass mit Musik nicht klar definierte politische Botschaften vermittelbar sind; dass der Versuch, politische Stücke zu schreiben, scheitert, je konkreter die Absicht ist. Es ist eher umgekehrt: Mein prinzipielles politisches Bewußtsein evoziert die Musik. Ebenso können es auch konkrete Anlässe, konkrete politische Auslöser sein, die dann in der Musik mitwirken. Aber ich schreibe nicht vordergründig politische Stücke. Und was der Hörer dann rezipiert, bleibt ihm selbst überlassen, kann nur ihm überlassen bleiben.
GFH: Wenig. Aber ich glaube an die Kraft der Sensiblisierung im Einzelfall, an die subkutane Wirkung der Musik.
GFH: Die Harmonik ist weitgehend vorgegeben: In den Obertonakkorden, die auch Abbildung des Klangspektrums der Basstuba sind, und in den Wyschnegradsky-Akkorden, die als Variante des Klangspektrums des Beckens angesehen werden können. Die zeitliche Strukturierung ist sehr offen gehalten, wird von den Interpreten weitgehend selbst gewählt. Übergänge, wenn nicht anders vorgegeben, werden durch einen der Interpreten selbst angezeigt, wobei die formale Abfolge wiederum klar definiert ist.
GFH: Natürlich haben die Erfahrungen mit NICHTS weitergewirkt. So finden sich etwa in den Dunkelphasen von “in vain” interpretatorische Freiräume. Ebenso im dritten Streichquartett. Und auch in meiner neuen Kammeroper “die Pferde und die Ratten und die Lerche”, einem Auftragswerk der Bregenzer Festspiele und NetzZeit Wien, kommt diese Erfahrung zum Zug.
GFH: Spielräume für Interpreten hat es wohl in der einen oder anderen Weise schon immer gegeben. Man denke etwa an die Barockzeit, wo sie allerdings sehr stark in Normenkorsetts gedrängt waren. Oder an die Kadenz in der Klassik. Im 20. Jahrhundert ist die Anzahl an graduellen Übergängen mit unterschiedlichen Freiheitsgraden dann rapid gestiegen. Da gibt es unzählige Beispiele dafür: John Cage, Vinko Globokar, Morton Feldman ... , der ganze Bereich der Jazz- und Improvisationsmusik ...
GFH: Bei NICHTS haben sicherlich die InterpretInnen die Besetzung provoziert. Mit Klaus Burger verbindet mich eine langjährige Freundschaft, er zählt für mich zu den überzeugendsten Interpreten überhaupt und ich schätze unsere Zusammenarbeit überaus. Elisabeth Flunger wiederum hatte mich schon lange durch ihr selbst gefundenes und zusammengestelltes Instrumentarium fasziniert, das die ohnedies schon reiche dynamische Klangpalette des Schlagwerks noch erweitert. Was alle Instrumente darüber hinaus verbindet ist der Metallklang, der mir in diesem Zusammenhang wichtig war. NICHTS ist also sehr stark mit diesen beiden Musikerpersönlichkeiten verbunden und wurde bislang auch nur in dieser Besetzung aufgeführt.
GFH: Alle Werke, die zwischen den beiden Opern entstanden sind, also vom ersten Streichquartett bis “in vain”, sind durch Oberton- und Wyschnegradsky-Akkorde geprägt. Dies ist ein prinzipielles kompositionstechnisches Faktum. Interessant im Zusammenhang mit NICHTS ist dabei, dass in der österreichischen und speziell in der slowenischen Volksmusik eine Annäherung an die Obertonharmonik, speziell den 11. und 13. Teilton, eine große Rolle spielt. Darüber hinaus habe ich bei NICHTS eine rhythmische Technik aufgegriffen, die ich bereits 1983 in meiner “Hommage à Steve Reich” verwendet habe: Die Schichtung von verschieden langen wiederholten patterns (5/16 – 7/16 / 7/16 – 9/16 / 9/16 – 11/16 11/16 – 13/16), die eine Gleichmäßigkeit ergeben, die doch in jedem Moment als Überraschung wahrgenommen werden kann.
GFH: Durch die bereits angesprochenen improvisatorischen Freiräume, die die Musiker ja auch jedes mal neu zu nutzen haben, fällt auch die Interpretation immer neu aus. Jede Aufführung eine Uraufführung sozusagen.
Interpreten
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Updated: 27 Apr 2003