E-Motion
Live-Elektronik instrumental
Sonntag, 7.3.98
Im heutigen Konzert steht die Verbindung zwischen Instrumentalsolisten und Live-Elektronik im Zentrum, ausgeführt von den Musikern des australischen ELISION Ensembles in Zusammenarbeit mit dem in Wien ansässigen Tonmeister und Klangdesigner Karl Petermichl sowie den eigens angereisten Komponisten Richard Barrett und Walter Feldmann.
Unterschiedlichste Ansätze werden gezeigt: das mit Improvisationselementen angereicherte work-in-progress transmission von Richard Barrett (das heute seine Uraufführung erlebt); der selten aufgeführten ìKlassiker" Time and Motions Studies von Brian Ferneyhough; die géorgiques I des Schweizer Komponisten Walter Feldmann (der darin mit subtilen musikdramatischen Momenten operiert) und das Harfenstück After the fire des Australiers Michael Whiticker, der mit Hilfe der Elektronik die sonst beim Spielen tunlichst zu vermeidenden Abfallprodukte der Klangerzeugung thematisiert und zum eigentlichen Zentrum seiner Komposition macht.
In diesem Konzert stehen sich Mensch und Maschine in höchst fruchtbarer Weise gegenüber: Die elektronischen Mittel dienen dabei nicht allein der Erweiterung der instrumentalen Ausdrucksmöglichkeiten, sondern erobern auch den Raum in einer völlig neuen Art und Weise und machen ihn dadurch zu einer wesentlichen Komponente der ganzen Komposition.
Dass in der Interaktion von Musiker und Technik nicht nur neue kompositorische Möglichkeiten, sondern auch ein ungeahntes Potential an raumgreifender Emotionalität steckt, möge an diesem heutigen Abend erlebt werden.
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Dr. Karlheinz Essl
Musikintendant des SCHÖMER-HAUSES |
Programm
Richard Barrett
transmission (1997-99)
für E-Gitarre und Live-Elektronik - UA
Michael Whiticker
After the Fire (1992)
für präparierte und verstärkte Harfe - ÖE
Walter Feldmann
tellement froid que (géorgiques I) (1995/96)
für Bassflöte und Live-Elektronik - ÖE
Brian Ferneyhough
Time and Motion Study No II (1973-76)
für verstärktes Violoncello, Stimme und Live-Elektronik
Ausführende
- ELISION Ensemble (Australien)
- E-Gitarre: Daryl Buckley
- Harfe: Marshall McGuire
- Flöte: Paula Rae
- Violoncello: Friedrich Gauwerky
- Live-Elektronik: Karl Petermichl, Richard Barrett, Walter Feldmann
- Tontechnik: Karl Petermichl
- Licht: Jack Hauser
Einführungstexte
Richard Barrett wurde 1959 in Wales geboren. Nach einem Genetikstudium am University College in London studierte Richard Barrett Komposition bei Peter Wiegold. Mit seinen Kompositionen gewann er 1986 den angesehenen "Kranichsteiner Musikpreis" der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik und den "Gaudeamus-Preis" (Amsterdam 1989) für junge Komponisten. Gemeinsam mit Roger Redgate gründete er 1984 das "Ensemble Exposé". Neben seiner kompositorischen Tätigkeit tritt er mit Paul Obermayer im Improvisationsduo FURT auch als Live-Performer von elektronischer Musik hervor, daneben auch als Mitspieler von George Lewis und Evan Parker. Seit 1993 lebt er in Amsterdam, wo er am "Instituut voor Sonologie" des Konservatoriums in Den Haag unterrichtet und daneben ein Forschungsprojekt über Live-Elektronik am Amsterdamer STEIM-Studio durchführt. 1996 Uraufführung eines Kompositionsauftrag des SCHÖMER-HAUSES im Festivals "Wien modern".
transmission für E-Gitarre und Live-Elektronik wurde von ELISION in Auftrag gegeben und ist Daryl Buckley gewidmet. Obwohl der Großteil seines Inhaltes genau vorgestellt und notiert ist, zeigt sich das Stück weniger als "Komposition" im herkömmlichen Sinn, sondern eher als "Prozess", aus dem die verschiedensten Versionen erzeugt werden können, in denen die Ausgangsmaterialien in unterschiedliche Kontexte gestellt werden. Der Ausgangspunkt dieses Werkes ist ein System von Bewegungsabläufen auf der Gitarre, das ein sich änderndes harmonisches Feld erzeugt: mithilfe eines "Gewebemusters" wird durch unterschiedliche kompositorische Mittel nicht nur die musikalische Notation erzeugt, sondern auch das Klangmaterial, das aus dem Computer kommt; dieses wiederum wurde aus Aufnahmen dieses "Gewebemusters" gewonnen. Die Ableitungsprozesse von Übermittlungen der ursprünglichen "Botschaft" setzen sich während der Aufführung fort: der Kompositionsprozess durch improvisatorisches Spiel, ausgehend von "Leerstellen" in der Partitur, und der technologische Prozess mittels live-elektronischer Verarbeitung des Gitarrensignals.
Das ursprüngliche "Gewebe" durchzieht die gesamte Aufführung wie eine archäologische Tiefenschicht. Seine Übermittlung an die Oberfläche geht mit Verzerrungen, Erläuterungen, Verlusten und Rekonstruktionen einher. Damit gehört transmission zu den Werken (darunter auch ruin für 6*3 Instrumente, das 1996 im SCHÖMER-HAUS uraufgeführt wurde), die sich mit musikalischer Komposition als Versuch befassen, Ordnung in ein zerbrochenes Überbleibsel von... - der fernen Vergangenheit? der Tiefen des Unterbewussten? - zu bringen. Komposition, und vor allem das Hören sollten immer etwas einen Aspekt von Entdeckung beinhalten, wie bei Kolumbus, auch wenn unsere Entdeckung falsch verstanden werden.
transmission wird in der nächsten Zeit fortgeführt und erweitert; im September 1999 bildet es das zentrale Element in der Zusammenarbeit zwischen sechs Musikern von ELISION und dem indonesischen Installations- und Performancekünstler Heri Dono; in der Folge wird es einer erweiterten Komposition für 18 Ausführende mit dem Namen DARK MATTER aufgehen, während aber weiterhin die Möglichkeit bestehen bleibt, als eigenständige Komposition aufgeführt zu werden.
Michael Whiticker wurde im australischen Gundagai geboren. Nach Absolvierung des Musikkonservatoriums in Sydney studierte er weitere zwei Jahre in Berlin. Er erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge (u.a. von ELISION, der Australian Opera, dem Synergy Percussion Ensemble und der Seymour Group) und Stipendien (DAAD Stipendium 1989). 1992-93 war er "composer in residence" des Melbourne Symphony Orchestra. Er gewann zahlreiche Wettbewerbe und Kompositionspreise in Australien und Deutschland. Zur Zeit unterrichtet er Komposition an der James Cook University in Townsville, Queensland.
Michael Whitickers After the fire (1992) konzentriert sich auf jene theatralischen Aspekte einer Aufführung, die in sonst eher in Kauf genommen als thematisiert werden: eine äußerst produktive Haltung in Bezug auf die Harfe, wo selbst für das Spielen einer einfachen chromatischen Skala ein genaue Choreographie der Finger und Füße notwendig ist. Die in den Pedalbewegungen des Harfenisten versteckte Theatralik wird demgemäß ausgeschlachtet, wobei der Instrumentalist aufgefordert ist, die hör- und sichtbaren Nebeneffekte zu übertreiben. Das Instrument wird zudem noch verstärkt, um die sonst unerwünschten Nebengeräusche der Klangerzeugung zu deutlich hörbar zu machen; sogar der Harfenist selbst und der Boden werden verstärkt um die Aufmerksamkeit des Hörers noch tiefer auf die Klangerzeugung zu richten. Die Harfe wird außerdem noch mit Holzstäbchen angestrichen, ein Bottleneck (wie in die Bluesgitarristen verwenden) kommt zum Einsatz, und das Instrument wird ausgiegbig umgestimmt. Das Stück wurde für den Harfenisten Marshall McGuire komponiert, dessen Einfluß sich nicht nur auf die enorme Breite an erweiterten und unüblichen Spieltechniken erschöpft, sondern auch in der Aufforderung an den Spieler, all die Aspekte der Klangerzeugung in die Aufführung mit einfließen zu lassen. Dies erfordert außergewöhnliche Fähigkeiten, in denen der Harfenist dem Stück weit mehr seinen persönlichen Stempel aufdrückt als in der bloßen Verwendung neuer Spieltechniken und ungewöhnlicher Klänge. Diese "Rekonstruktion der Harfe" (und gleichermaßen auch des Harfenisten) bildet eine enge Beziehung zur eigentlichen Inspirationsquelle dieser Komposition: eine Bilderserie des Malers Fred Williams, wo das Nachwachsen eines 1968 durch ein Buschfeuer zerstörten Waldes dargestellt wird.
Walter Feldman Geboren 1965 in der Schweiz. Schulzeit und Matura in Glarus. 1985-92 Studium an der Universität Zürich (Französisch, Latein, Musikwissenschaft) und Flöte bei Dominique Hunziker in Aarau. 1984-93 Flötist in diversen Schweizer und internationalen Orchestern, Mitglied des Schweizerischen Tonkünstlervereins. Querflötenlehrer an der Musikschule Steinhausen. Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen und dem Ensemble Köln (Dir. Robert HP Platz) beim Festival "inventionen" (Berlin 1994). Erste Kompositionen seit 1986, als Komponist Autodidakt. 1991 Gründung und Leitung des "ensemble s" (Zürich): ein professionelles Ensemble von 25 MusikerInnen, das sich der Interpretation und Verbreitung der Neuen Musik widmet. Kompositionsaufträge der "Tage für Neue Musik Zürich", der SUISA-Stiftung für Musik und diverser Instrumentalformationen. 1991-92 belegte er einen Kurs für "elektroakustische Musik" bei Gerald Bennett in Zürich, später Teilnahme an Sommerkursen im IRCAM (Paris), seit 1992 Mitorganisator, ab 1994 künstlerischer Leiter der "Tage für Neue Musik Zürich". Teilnahme an Festivals (Biennale Venedig), Radioportraits und -sendungen in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Polen. Seine Werke werden im Carus Verlag (Stuttgart) veröffentlicht. 1995 Portrait-Konzert durch das Ensemble "Opera Nova" im Rahmen des Musikpodiums Zürich. Kompositionsaufträge: Trio Accanto, Süddeutscher Rundfunk Stuttgart, Südwestfunk. Lebt und arbeitet in Zürich.
Walter Feldmann
Zu Claude Simon. "géorgiques". SZENE 1...
1987. Der erste Kontakt mit Claude Simons Schaffen ist die Lektüre - innerhalb meines Französischstudiums - der zwei Romane "L'herbe" und "La route des Flandres", wobei der erste mir längere Zeit unverständlich bleibt, der zweite aber eine nachhaltige Faszination des Lesens auslöst. "géorgiques" ist ein Zyklus von drei Werken ("Triptyque") von je etwa 20 Minuten Dauer, wovon das zweite heute kurz vor dem Abschluss steht. Grundlage ist das zweite Kapitel aus Claude Simons "Les Géorgiques", dem für jedes Werk sieben Abschnitte entnommen werden: 1. IM BESTEN FALL WIRD <<TELLEMENT FROID QUE>> (GéORGIQUES I) IN SCHWARZ-WEISSEM DEKOR INTERPRETIERT; WEISSES LICHT, MIT BLAU GEMISCHT, AUF DAS HOLZPLATEAU ALLEIN...
1989. Sprachaufenthalt in Aix-en-Provence. Lektüre und Besprechung von "Les Géorgiques", eine Beschäftigung, die auch zum Fundament der gedanklichen und literarischen Mehrschichtigkeit in meiner kompositorischen Arbeit werden wird.
2. DAS HOLZPLATEAU IST MIT FEINEM WEISSEM SAND (ODER SALZ), DIE ZWEI ABLAGEN MIT SCHWARZEM TUCH BEDECKT...
Zu der Zeit arbeite ich an meinem ersten ernsthaften Stück, weit weg noch von meiner heutigen Konzeption des Schreibens.
<<tellement froid que>> (géorgiques I) für Bassflöte, Elektronik und Szene (1995-96), Abschnitte 1-7. <<comme si le froid>> (géorgiques II) für Baritonsaxophon, Pauke, Klavier (1998), Abschnitte 18-24. <<n'était le froid>> (géorgiques III) für Orchester (2000-2002), Abschnitte noch nicht bestimmt.
3. DER (DIE) INTERPRET(IN) WIRD SICH SCHWARZ-WEISS KLEIDEN, HAUPTSäCHLICH WEISS, FALLS BLäULICHES LICHT ZUR VERFüGUNG STEHT...
Besonders beeindruckend ist: Ein ungeheurer Reichtum des Wortschatzes, die Genauigkeit - zeitlich, räumlich, materiell - des Ausdrucks. Zu deren Erfassung zwängt sich ein dreischichtiges "Lesen" auf: erste Lektüre eines Abschnitts, Aneignen des noch unbekannten Wortschatzes, zweite - wissende - Lektüre, wobei die Utopie des genauen Ausdrucks deutlicher wird:
Der Text wird in eher problematischer (kalter: "le froid"?) Weise verarbeitet: nicht sein semantischer Gehalt ist primär bestimmend, sondern sein äusserliches Erscheinungsbild, die mise en page und die syntaktische Struktur.
4. DER (DIE) INTERPRET(IN) TRITT MIT ALLEN FLöTEN AUF, DIE ER (SIE) WäHREND DES KONZERTS SPIELT, UND DEPONIERT SIE - AUSSER DER BASSFLöTE - AUF DIE ABLAGE B; WENN ER (SIE) NUR DIESES STüCK SPIELT, SOLL ER (SIE) DAS KONZERTPROGRAMM DORT ABLEGEN; AUF ALLE FäLLE WERDEN DIE ANWEISUNGEN IN TAKT 195 BEACHTET...
Konkret entsprechen die zehn Zentimeter einer Zeile der Minuit-Ausgabe zehn Sekunden musikalischer Struktur (entspricht etwa der dreifach verlangsamten Lesegeschwindigkeit).
Erst sieben Jahre später verwandelt sich der Begriff "casse férique" (S. 79) in "casse ferrique" und offenbart so sein Geheimnis, das fast - durch seine Unlesbarkeit - zum Schlüssel des geplanten musikalischen Zyklus wird.
Der Text wird ausgemessen, von Abschnitt zu Abschnitt (Großform; jeder Abschnitt wird durch je einen kontiniuierlichen, "kalten", von Band gespielten Bassflötenakkord bezeichnet), von Punkt zu Punkt (Neueinsatz von Haupttonmaterial), von Komma zu Komma (Verdreifachung liegender Resonanzen) etc.
5. WäHREND DER AUFFüHRUNG, BIS ZU TAKT 195, WIRD DER (DIE) INTERPRET(IN) IN EINER ART THEATRALISCHEN ANGLEICHUNG VERSUCHEN, SEIN (IHR) EIGENES GEFüHL EINES UNUNTERDRüCKBAREN FORTSCHREITENS WACHSENDER ENTMUTIGUNG AUSZUDRüCKEN; VON TAKT 195 AN WIRD ER (SIE) SICH DEFINITIV MIT DER BASSFLöTE ABFINDEN...
Klammern im Text bewirken eine Reduktion der Klanglichkeit (die Differenzierung in Mikrotöne wird aufgehoben), die syntaktische Abstufung bis zu Nebensätzen entferntesten Grades wirkt sich unmittelbar auf die Dynamik (Grad der Lautstärke) aus.
Dann: die Wahrnehmung eines "logischen" und doch sprunghaften Satzbaues, weit abgestuften Schichten von Nebensätzen und Klammern (Tonabfall der Stimme?), eine Polyphonie von "mémoire", die zu einem Strudel der Aufmerksamkeit führt, tonlich (kon)zentriertes (Hauptmaterial?) und abgestuftes (Neben-, Klammermaterial?) Lesen, Hören, Fortschreiten. Die verschiedenen Ebenen in stetiger Berührung - Übertragung des sinnlichen Moments der immer wieder evozierten Szenen körperlicher Begegnungen (Triptyque) - in ständiger Erregung von Text und Vorstellungskraft, Erinnerung und memorieller Sensitivität.
6. KöRPERBEWEGUNG UND -FIXIERUNG ("FIGé"), BEIDES DEUTLICH SPüRBAR, WERDEN DIE GLEICHEN EMPFINDUNGEN HERVORRUFEN UND UNTERSTüTZEN...
Die Grundstimmungen des Textes werden sich gerade in der (hier bedeutungsvollen) Beziehung der Interpreten zum Notentext niederschlagen: eine Art des Ausgeliefertseins sowohl vorgegebenen (und nicht immer durchschaubaren) Strukturen als auch einer (trotz Erschöpfung) zu bezwingenden Komplexität der musikalischen Ereignisse. Nicht nur hier ist (neben der "materialistischen" Strukturierung) semantische Übereinstimmung der Musik mit der Vorlage spürbar:
Dazu ein existenzielles Ausgeliefertsein, dieser unerbittlichen fließenden Polyphonie der Ebenen und Ereignisse - als Spiegel davon die erinnerten Szenen der flandrischen Kälte des zweiten Kapitels ("Les Géorgiques").
Die Interpreten werden mit ungewöhnlichen Spielanweisungen konfrontiert, die den Adjektiven des korrespondierenden Textabschnitts entsprechen: "anachronique", "engourdi", "glacé et âcre", "monotone et désert" etc. Erweiterung der Möglichkeiten von Interpretation, Öffnen von Wahrnehmungsfähigkeit und persönlicher Stellungnahme.
Der Eindruck dieser Unerbittlichkeit potenziert sich in extremster Weise dadurch, dass sich die einzelnen Schichten im gesamten Werk Simons wiederfinden. Ein kontinuierliches Schaffen, in dem der einzelne Roman zum Kapitel eines komplexen, zyklischen Gesamten wird, sein Titel sozusagen nur einen Hauptstrang bezeichnet.
Stellungnahme auch in Bezug auf die klar definierte Bühne, auf der sich die Interpreten bewegen: die Inszenierung weist deutlich auf aussermusikalische Elemente hin, den größeren Zusammenhang zwischen Text, Mensch und Musik.
7. DER (DIE) INTERPRET(IN) IST AUFGEFORDERT, SICH FREI AUF DER STELLE ZU BEWEGEN, OHNE "KüNSTLICH" ZU WIRKEN; FUSSGERäUSCHE AUF DEM SAND SIND WäHREND DES GANZEN STüCKS ERWüNSCHT...
Und hier entsteht die Idee eines Zyklus, eines Versuchs, diese Abstufungen memorieller Strukturen, diese Klarheit und Kälte zu übertragen,textliches in musikalisches Material umzuwandeln.
(Oktober 1998)
Brian Ferneyhough
Geboren 1943 in Coventry (England). Musikstudium an der Birmingham School of Music und an der Londoner Royal Academy of Music. 1968 Kompositionsstudium bei Ton de Leeuw in Amsterdam, anschließend bei Klaus Huber in Basel. Seit dieser Zeit errang Ferneyhough weltweit Anerkennung als Komponist und wurde mit vielen Preisen (Gaudeamus-Wettbewerb 1969) ausgezeichnet, u.a. auch für sein Werk Time and Motion Study III. Seit 1987 ist Ferneyhough Kompositionsprofessor an der University of California San Diego. Zuvor unterrichtete er an der Freiburger Musikhochschule, an der Scuola di Musica in Mailand und dem Koninklijk Conservatorium von Den Haag. 1984-94 war er Koordinator der Komponisten-Workshops bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik und leitete die Kompositionskurse der Fondation Royaumont in der Nähe von Paris. Aufführungen bei den wichtigsten internationalen Festival für Neue Musik in Berlin, Brüssel, Donaueschingen, Huddersfield, London, Middelburg, Helsinki, Salzburg, Strasbourg, Venedig, Warschau und Wien.
Richard Barrett
Zu Brian Ferneyhough's Time and Motion Studies
Eine 'Zeit-Bewegungs-Untersuchung' ist ein industrielles Auswertungsverfahren, in dem die Geschäftsleitung einer Fabrik oder einer Behörde eine spezialisierte externe Firma beauftragt, die Effizienz der Angestellten am Arbeitsplatz zu messen. In dieser Praxis ist die Entmenschlichung jener Angestellten stillschweigend inbegriffen, da man ihre Arbeit in dem Sinne untersucht, wie sich die Zeit zur Ausführung einer Tätigkeit zu der Bewegung des Angestellten verhält, der sie leistet: Ein weiterer Schritt in dem Streben nach einem Höchstmaß an Effizienz ist die 'Programmierung' dieser Bewegungen in einem solchen Maße, daß das Bewußtsein des Angestellten (das von Natur 'ineffizient' ist) und seine Eigeninitiative dem Verfahren möglichst fern gehalten werden. Brian Ferneyhough's Time and Motion Studies stehen in einem verwickelten und doppeldeutigen Verhältnis zu dieser Praxis. Wie der Komponist selbst darlegt, sei mit dem Titel ein Wunsch angedeutet, "das Konzept der Effizienz, wie es auf das Verhältnis zwischen dem Ausführenden, der Notation und der Realisierung angewandt wurde, nachdrücklicher in die Struktur des Materials und dessen Gestaltung (...) zu integrieren." Daraus sollte man jedoch nicht gleich schließen, die peinlich genaue Notation habe den Zweck, den Ausführenden in der Konfrontation mit spezifischen, in einem übermenschlichem Tempo auszuführenden Aufgaben zu 'entmenschlichen'. Der Unterschied ist natürlich, daß die Aufgaben hier freiwillig, im Dienste von etwas anderem als der Erzeugung eines Mehrwerts ausgeführt werden. Das Ergebnis für die Ausführenden und die Hörer ist nicht nur eine intensive musikalische Erfahrung, sondern auch eine materialistische Art von 'Selbst-Transzendenz'.
In Time and Motion Study II tritt der industrielle Charakter deutlich in den Vordergrund: Der Cellist hat eine Reihe verwickelter und oft obskurer 'Aufgaben' zu erfüllen. Er hat sich nicht nur mit seinem Instrument zu beschäftigen, sondern muß darüber hinaus auch zwei Pedale zur Regelung der Lautstärke bedienen und seine eigene Stimme gebrauchen. Dabei ist er von einer ganzen Armada von Mikrophonen (eines davon ist an seiner Kehle befestigt) umgeben, von Tonband-Delays und einem Ringmodulator; hinter dem Mischpult sitzen zwei oder mehrere Assistenten, die ununterbrochen kontrollieren, verstärken, aufzeichnen, verformen, abspielen und schließlich den 'transzendenten' Monolog des Cellos auslöschen. Die gegenseitige Durchdringung von Zeitschichten wird in diesem Stück deutlich gemacht, jedoch in der Weise, dass die dargebotenen 'Analysen' der Tonband-Delays (die oft dazu dienen, wechselnde Aktivitätsketten des Cellos herauszulösen) die Funktion von 'Erinnerungen' haben, welche man dem Instrument abnötigt, die verzerrt wieder in das System eingespeist werden. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn das Instrument soweit reduziert ist, dass nur mehr eine knirschende Inkohärenz übrigbleibt.
In Time and Motion Study II stellt eines der erfolgreichsten Verbindungen von Live-Delay-Systemen mit instrumentaler Musik dar, zum Teil durch die musikalische Intelligenz, mit der das System verwendet wurde (dass keine Überfülle an Wiederholungen hervorgebracht werden), zum Teil auch durch die vielschichtige, dramatische Gegenüberstellung des Cellos mit seinem (unmenschlichen?) Doppelgänger.
ELISION Ensemble
ELISION ist Australiens führendes Ensemble für Neue Musik. Seit der Gründung im Jahre 1986 hat ELISION sich international als ein Ensemble für die Aufführung der neuen virtuosen Musik in Australien etabliert. 11 CD's und 32 internationale Kompositionsaufträge wurden von Organisationen in England, Kanada, Holland, Frankreich und Japan gefördert. Konzerte und Aufnahmen erfolgten in Zusammenarbeit mit "Wien Modern", dem Huddersfield Festival, dem WDR (Köln), dem Deutschlandfunk, Radio Bremen, BBC Radio 3, Ars Musica (Brüssel), Civica Scuola di Milano und Ny Musikk (Norwegen). In Australien ergänzt das Ensemble sein Aktivitäten durch bedeutende Veranstaltungen wie die Brisbane Biennale, die Festivals von Perth und Melbourne und durch mehrere Einspielungen, darunter eine CD mit Kammermusik von Richard Barrett (Etcetera, KTC 1167) und eine CD mit Solowerken von Brian Ferneyhough (Etcetera, KTC 1206). Im Bereich des zeitgenössischen Musiktheaters, der raumbezogenen Performance, der Improvisation und der elektronischen Musik hat das Ensemble neue und innovatorische Projekte entwickelt. In den zehn Jahren ihres Wirkens hat die Gruppe über 100 neue Werke aufgeführt und ein eigenständiges Repertoire entwickelt, in dem westliche und asiatische Musikinstrumente miteinander kombiniert werden.
Elision Ensemble and Composers at SCHÖMER-HAUS (7 Mar 1998):
Karl Petermichl, Richard Barrett, Karlheinz Essl, Paula Rae, Friedrich Gauwerky, Walter Feldmann, Daryl Buckley, Marshall McGuire
Seit 1996 agiert ELISION im Rahmen der University of Queensland. Es besteht zur Zeit aus 22 führenden australischen Musikern aus den 5 wichtigsten Hauptstädten des Kontinents, die alle über reiche Erfahrungen als Musiker in Orchestern, Kammerensembles und Rockbands verfügen.
Weiter Informationen über ELISION finden sich im Internet unter:
http://www.elision.org.au
Daryl Buckley (E-Gitarre), der künstlerische Leiter des ELISION Ensembles wurde 1957 in Melbourne geboren. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaften an der University of Melbourne und Musik am Victorian College of the Arts. Als Gitarrist spielt er die verschiedensten Gitarrentypen (klassische Gitarre, 10- und 12-saitige Gitarre, E-Gitarre) und hat zahlreiche Werke für diese Instrumente in Auftrag gegeben. Neben Auftritten als Sologitarrist arbeitet er auch als Kammermusiker, im Bereich des zeitgenössischen Musiktheaters und der Klanginstallation.
Marshall McGuire (Harfe) gilt als Australiens leitender Interpret für das zeitgenössische und barocke Harfenrepertoire. Er wurde in Melbourne geboren und studierte am Victorian College of the Arts, am Pariser Conservatoire und dem Royal College of Music in London. Als Solist brachte er Harfenkompositionen von Michael Finnissy, Alessandro Solbati und Franco Donatoni zur Uraufführung und hat selbst viele Werke für sein Instrument in Auftrag gegeben, die er auch auf CD eingespielt hat. Als Solist arbeitete er mit den wichtigsten australischen Symphonieorchestern. Zur Zeit unterrichtet er Harfe am Sydney Conservatorium of Music.
Paula Rae (Flöte) absolvierte ihr Studium mit Auszeichnung am Victorian College of the Arts und studierte danach weiter bei Aurele Nicolet, William Bennet und Alain Marion. Sie hat mit den Symphonieorchestern von Melbourne und Tasmanien, dem Australian Chamber Orchestra, dem Ensemble Modern und dem Melbourne Windpower zusammengearbeitet. Seit 1988 ist sie Soloflötistin des State Orchestra of Victoria. Sie hat ELISION mitbegründet, sich an Performances wie Opening of the Mouth (Musik: Richard Barrett; Installation: Crow) beteiligt und in Uraufführungen bedeutender Kammermusikwerke von Franco Donatoni, Brian Ferneyhough, Alessandro Melchiorre, Akira Nishimura und Liza Lim mitgewirkt und daneben verschiedene Werke auf CD eingespielt.
Friedrich Gauwerky (Violoncello) wurde in Hamburg geboren. Mit zwölf Jahren trat er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf. Er ist weltweit als Solist und Kammermusiker tätig, u.a. im Trio Pleyel, dem Ensemble Köln, dem Ensemble Modern und ELISION. Als Solist ist er mit verschiedenen Orchestern aufgetreten und hat in Rundfunk- und Fernsehübertragungen in ganz Europa, den USA, Asien, Australien und der GUS mitgewirkt und Plattenaufnahmen gemacht. Daneben wirkt er als Cellolehrer u.a. an der Musikhochschule Köln, der Royal Academy of Music in London und der University of California.
Karl Petermichl (Live-Elektronik, Tontechnik) wurde 1965 in Wien geboren und absolvierte eine Höhrere Technische Lehranstalt schon im Hinblick auf Musik-elektronik. Die Tontechnik wird dann auch seit 1985 zu seinem Hauptberuf als Mitarbeiter im ORF-Hörfunk. Zahlreiche CD-Produktionen und Liveprojekte. Daneben vermehrt Klangbasteleien, Konzeptarbeit und Komposition.
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