ADVENTKONZERT 2008Violinabend Ernst KovacicSamstag, 6. Dezember 2008
Johann Sebastian Bach war gewohnt in Melodie, Harmonie und Bass zu denken. Trotz der beschränkten akkordischen Möglichkeiten der Geige erschafft er in seinen Solopartiten für Geige eine Sprache, die auf kunstvollste Weise diesen drei Grundaspekten seiner Klangwelt gerecht wird. In Steve Reichs Violin Phase geht es um die Frage: Was geschieht, wenn sich rhythmischer Gleichklang durch Beschleunigung oder Verlangsamung allmählich „entzweit“? Der Interpret spielt „gegen“ eine CD-Aufnahme seiner selbst an und der Hörer erlebt dabei die langsamen Prozesse des Beschleunigens und Verlangsamens wie ein Abenteuer. Karlheinz Essls absence kommt dem Erzählen wohl am nächsten. In mehreren Episoden entwickelt sich eine Geschichte, in der Tonraum und Klangmöglichkeiten der Geige in Kontinuum und Kontrast voll ausgeschöpft werden. Strebt Bachs Partita die Weltenharmonie an und stellt Steve Reich ein notwendiges Erfahrungsexperiment vor, so ist Karlheinz Essls absence sicherlich das persönlichste Seelenklanggemälde unter den drei Werken dieses Konzertes. (Ernst Kovacic) Programm
Ausführende
WERKEINFÜHRUNGEN
Steve Reich zählt zu den prominenten Vertretern der Minimal Music und wurde erst kürzlich von The Village Voice als „größter lebender Komponist der USA“ bezeichnet. Diese Auszeichnung trifft mit dem 72-Jährigen einen Komponisten, der sich immer offen gegenüber Einflüssen Musik anderer Stile und Genres, oder auch anderer Kontinente zeigte. So studierte er etwa afrikanisches Trommeln am Institute for African Studies an der University of Ghana in Accra und balinesische Gamelanmusik. Sein typischer Kompositionsstil, den er im Lauf der Jahrzehnte entwickelt und weitergetrieben hat – pulsierende Harmonien, hypnotische Akkordfolgen, Vermischung von Tonband- und Livemusik – beeinflusste wiederum MusikerInnen aus der Welt des Pop, Jazz, Rock, der elektronischen und natürlich der zeitgenössischen komponierten Musik.
Die etwa elfminütige Komposition absence wurde seit ihrer Uraufführung durch Ernst Kovacic im Rahmen der Wiener Festwochen im Musikverein Wien im Jahr 1996 bereits mehr als zehn Mal öffentlich durch unterschiedliche Interpreten gespielt. "Absence" bedeutet im wörtlichen Sinne Abwesenheit, wird vom Komponisten Karlheinz Essl jedoch mehr als „Wegtreten“ oder „Sich-Vergessen“ verstanden. Diesen Anspruch stellt er in gewissem Ausmaß an die Zuhörer, und zuallererst an den Interpreten. Hat er doch nach intensiver Auseinandersetzung mit den Spieltechniken der Violine sogar eine eigene Notationsweise für dieses Stück entwickelt. Diese sieht eine getrennte Niederschrift der rechten und linken Hand vor, was für das Geigenspiel recht ungewöhnlich ist. Ernst Kovacic attestiert dieser Idee durchaus „eine praktikable, sinnvolle Bereicherung der Notationsweise“. Essl nimmt auch durch Vorschreibung der Fingerhaltung bei manchen Trillerfiguren, die teilweise nicht dem Usus entspricht, Einfluss auf das eingeschworene Zusammenspiel von Instrument und Musiker. absence überrascht mit vielfältigen, differenzierten Möglichkeiten, die diesem – uns so vertraut scheinenden – Klangkörper entlockt werden können: „Hier ist alles versammelt, was es an altbewährter und neuer Spieltechnik gibt. Vom flirrenden Clusterbeginn geht es da zu liegenden Tönen in hoher Lage über aggressivere Floskel und wieder ruhige Motive zu glissandierender mikrotonaler Verschiebung und Flageoletteffekten”, versuchte ein Kritiker Essls absence zu beschreiben.
Von 1717 bis 1723 lebte Johann Sebastian Bach als höfischer Kapellmeister in Köthen, wo der als tolerant, weltoffen und kulturell interessiert bekannte Fürst Leopold regierte. Bach leitete ein hervorragendes Orchester, das auch über ausgezeichnete Solisten verfügte. Trotz der hohen Anforderungen, die der Fürst an ihn stellte, unternahm er zu dieser Zeit zahlreiche Reisen, u.a. nach Leipzig und Berlin, für Gastspiele mit seinem Ensemble gemeinsam mit Fürst Leopold mehrmals in den Kurort Karlsbad. Seine Frau Maria Barbara bekam während der Köthener Jahre sieben Kinder, von denen drei recht früh verstarben. Als er von seinem Sommeraufenthalt 1720 aus Karlsbad zurückkam, war seine Frau überraschend verstorben und schon begraben. Bereits ein Jahr später heiratete er die Sängerin Anna Magdalena Wilckens, die ihn auch bei der Niederschrift seiner Kompositionen unterstützte. In Köthen entstanden einige seiner bekanntesten Werke: Neben Kantaten, u.a. die Brandenburgischen Konzerte, der erste Teil des Wohltemperierten Klaviers, die Französischen Suiten sowie der Zyklus von Drei Sonaten und Partiten für Violine solo. Es ist nicht belegt, wer diese anspruchsvollen Solostücke zur Uraufführung brachte, vielleicht war es sogar Bach selbst, der bekanntlich ein recht virtuoser Geiger war. Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Sebastians Sohn, selbst Komponist, notierte 1774 über besagte Werke, dass es „nichts vollkommeneres“ gäbe, „um ein guter Geiger zu werden“. Bachs Schüler Johann Friedrich Agricola hielt 1775 fest: „Ihr Verfaßer spielte sie selbst oft auf dem Clavichorde, und fügte von Harmonie so viel dazu bey, als er für nöthig befand.“ Biographien
Ernst KovacicWien mit seinem starken Spannungsfeld zwischen Tradition und innovativen Kräften, prägte Ernst Kovacic nachhaltig. Dieser Einfluss ist in seinem Formbewusstsein, seiner musikalischen Ausdeutungsweise und seiner Klangvision spürbar.
Karlheinz EsslGeboren 1960 in Wien. Studierte Musikwissenschaften und Kunstgeschichte an der Universität Wien (Promotion 1989 über Das Synthese-Denken bei Anton Webern) sowie Komposition bei Friedrich Cerha und elektro-akustische Musik bei Dieter Kaufmann. Arbeitet als Komponist, Medienkünstler, Elektronik-Performer, Musikkurator und Kompositionslehrer.
Steve ReichGeboren am 3. Oktober 1936 in New York. Erhält ab 1950 Schlagzeugunterricht, gründet 1953, nach Beendigung der High School, ein Bebop-Quartett. Reich beginnt ein Philosophiestudium an der Cornell University in Ithaca / New York, das er 1957 mit einer Arbeit über das Spätwerk von Ludwig Wittgenstein abschließt. Zu dieser Zeit sieht er sich bereits als Komponist, ist fasziniert von der Musik John Coltranes. 1957/58 privater Unterricht bei dem Jazzkomponisten und -pianisten Hall Overton, wird an der New Yorker Juilliard School zum Kompositionsstudium zugelassen. Zu seinen Studienkollegen zählt Philip Glass. 1961 heiratet er Joyce Barkett, geht mit ihr nach Kalifornien und studiert dort am Mills College in Oakland u.a. bei Darius Milhaud und Luciano Berio. Zu dieser Zeit beginnt er sich mit afrikanischer Trommelmusik und Tonbandmusik zu beschäftigen. 1962 Geburt seines Sohnes Michael, Trennung von Joyce. Abschluss des Studiums. Zurück in New York gründet er 1966 sein Ensemble „Steve Reich and Musicians“, Mitwirkung in anderen Ensembles für neue Musik, Mitarbeit an der New School for Social Research 1969-71. Studienaufenthalt in an der University of Ghana. Gemeinsam mit der Choreografin Laura Dean erste Europatournee 1972, als Stipendiat des DAAD Aufenthalt in Berlin, Studien in balinesischer Gamelanmusik. 1976 Heirat mit der Videokünstlerin Beryl Korot, Geburt des Sohnes Ezra. Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Wurzeln, 1977 erster Besuch Israels. Steve Reich zählt zu den erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart und wurde mit mehreren Grammys ausgezeichnet. 2006 erhielt er den Praemium Imperiale in der Sparte Musik, 2007 den Polar-Musikpreis.
Johann Sebastian BachGeboren am 21. März 1685 in Eisenach. 1695, nach dem Tod beider Eltern, wird er von seinem Bruder Johann Christoph in Ohrdruf aufgenommen und beginnt dort, Klavierunterricht zu nehmen. Im Jahr 1703 erhält er eine Anstellung als Organist in Weimar, erste Kompositionen für Orgel entstehen. 1707 heiratet er seine Cousine Maria Barbara und nimmt die Organistenstelle in Mühlhausen an. Komposition der ersten geistlichen Kantaten. Bereits ein Jahr später Berufung an den Weimarer Hof. 1710 Geburt des Sohnes Wilhelm Friedemann. 1713 Ernennung zum Konzertmeister in Weimar, lernt die Werke Vivaldis kennen. 1714 Geburt des Sohnes Carl Philipp Emanuel. Bach übernimmt 1716, nach dem Tod des Kapellmeisters Johann Samuel Drese, die Leitung eines Teils der Kirchenmusik. Nachdem Bach die Stelle des Hofkapellmeisters in Köthen angeboten wird, muss er in Weimar einen vierwöchigen Arrest absitzen, um aus seinen Pflichten entlassen zu werden. 1720 stirbt seine Frau Maria Barbara. Bach widmet 1721 dem Markgrafen von Brandenburg die gleichnamigen Konzerte, erhofft sich eine Anstellung an dessen Hof. Im selben Jahr heiratet er die Sängerin Anna Magdalena Wilcke. Komposition des Wohltemperierten Klavier I. Nach dem Tod des Thomaskantors in Leipzig 1722 wird Bach in einem aufwändigen Auswahlverfahren als Nachfolger bestimmt. Er widmet sich nun hauptsächlich der Komposition und Aufführung von Kirchenmusik, 1724/25 entsteht die Johannes-Passion, 1727 die Matthäus-Passion. 1729/30 übernimmt Bach auch die Leitung des Schottischen Collegium musicums, erste Unstimmigkeiten mit dem Rat der Stadt. 1731 erscheint die Druckausgabe der Sechs Partiten für Klavier, die Markus-Passion wird uraufgeführt. 1732 Geburt des Sohnes Johann Christoph Friedrich. 1733 Aufführung der h-Moll-Messe. Ein Jahr später Streitigkeiten im Zuge der Neubesetzung des Postens des Thomasschul-Rektors; Aufführung des Weihnachtsoratoriums. 1735 Geburt des Sohnes Johann Christian. 1736-38 Uneinigkeit mit dem Rektor wegen der Neubesetzung des Chorpräfekten, Bach wird in der Zeitschrift „Der Critische Musikus“ angegriffen, verteidigt sich in einer eigenen Schrift. Nachdem der Niederlegung der Leitung des Collegium musicum für einige Jahre, nimmt er sie wieder auf, 1741 Komposition der Goldberg-Variationen. 1747 spielt Bach König Friedrich II. von Preußen in Potsdam vor und tritt der „Correspondirenden Societät der musicalischen Wissenschaften“ bei. Ab 1748 verschlechtert sich sein Gesundheitszustand, 1749 Beginn der Arbeit an der Kunst der Fuge. Schließlich stirbt Johann Sebastian Bach am 28. Juli 1750 in Leipzig.
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Updated: 1 Dec 2008