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HERMANN NITSCH

1938 geboren in Wien
Lebt und arbeitet in Prinzendorf an der Zaya, Niederösterreich

Hermann Nitsch Hermann Nitsch
Hermann Nitsch im Essl Museum, 2005
Foto: Archiv Sammlung Essl
Kreuzwegstation, 1988
Öl, Blut und Malhemd auf weißgrundierter Leinwand
200 x 300 cm
Foto: Mischa Nawrata, Wien

Persönliche Daten

1952-56 Ausbildung an der graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien
1971-73 Gastdozent an der Hochschule für bildende Kunst in Frankfurt
1972 documenta 5, Kassel
1982 documenta 7, Kassel
1985 Zweisemestrige Gastprofessur an der Kunstakademie Hamburg
1989-95 Professur an der Hochschule für bildende Kunst (Städelschule) in Frankfurt am Main
Lehrtätigkeit: internationale Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg; Schule für künstlerische Fotografie in Wien
1995 Ausstattung und Regiebeteiligung an der Oper „Herodiade" von Jules Massenet an der Wiener Staatsoper
2001 Gesamtausstattung der Oper „Satyagraha“ vo Philip Glass am Festspielhaus St. Pölten
2004 Gastprofessur an der Universität Wien, Institut für Theaterwissenschaften
2005 Großer Österreichischer Staatspreis für Bildende Kunst
Goldene Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien
2007 Eröffnung des Hermann Nitsch Museum im Museumszentrum Mistelbach in Niederösterreich
2008 Eröffnung des Museo Nitsch in Neapel


Zum Werk

„Nitschs wiederkehrende Motive – Opfer und Kreuzigung, Meditation und Extase, die Lust am Fleisch und die Erlösung durch die Schönheit sind die klassischen Motive der Kunstgeschichte. Nur zeigt er lebende Bilder.“1

„Der Künstler in der Imitatio Christi, das ist und bleibt ein Ärgernis.“2

Seit den späten 1950er Jahren beschäftigt sich Hermann Nitsch angeregt vom Tachismus und dem abstrakten Expressionismus mit der Malerei. Er begann in dieser Zeit auf individuelle Weise damit, Farbe, sowie auch Blut, auf die Leinwand zu schütten. Ab 1960 veranstaltet er auch erste „theatralische Malaktionen", zum Teil gemeinsam mit Otto Mühl und Adolf Frohner, die in der Öffentlichkeit höchst umstritten diskutiert wurden, einige Prozesse und Gefängnisstrafen nach sich zogen. Hermann Nitsch gilt gemeinsam mit Günter Brus, Otto Mühl und Rudolf Schwarzkogler als der wichtigste Initiator des Wiener Aktionismus in den 60er Jahren. „Der Wiener Aktionismus hielt den Leuten den Spiegel vor, zeigte ihnen, wie sie wirklich waren. Das konfrontierte die Menschen mit ihrer eigentlichen Natur und das war sehr schwer zu ertragen.“3 Es ist eine Kunst, welche die Gesellschaft nicht in ihren Werten und in ihrer Selbstgefälligkeit bestärkt, sondern aufrüttelt, befremdet, provoziert oder auch neugierig macht, und sei es durch Irritation.

Hermann Nitsch Hermann Nitsch Hermann Nitsch
O.M. Theater, 1974
aus 12-teiliger Serie
4. Aktion, Wien 1963
Farbfotografien
je 60 x 50 cm
Fotodokumentation: Ludwig Hoffenreich
Fotos: Graphisches Atelier Neumann, Wien

Seit 1957 verfolgt er die Idee seines Orgien-Mysterien-Theaters (OMT): ein bis zu sechs Tage dauerndes Fest, an dem sich nach einer genau festgelegten Dramaturgie viele Akteure und Zuschauer beteiligen und Substanzen wie Fleisch, Blut und rote Farbe über Körper und meterlange Leinwandbahnen gegossen und geschüttet werden. Geburt, Leben, Sterben und Wiedergeburt kommen in dem exzessiven und berauschenden Prozess zum Ausdruck. Dieses Projekt, das von der Vorstellung eines Gesamtkunstwerkes unter Einbeziehung von Malerei, Architektur und Musik ausgeht und auf der Grundlage griechischer Mysterienfeste, eine Kartharsis (Reinigung) zum Ziel hat ist Ausgangspunkt von Nitschs Lebenswerk. Im Laufe des Spiels werden alle fünf Sinne des Menschen zugleich aufs Äußerste bis zu einem herbeigeführten Höhepunkt beansprucht, worauf dann, im Idealfall, ein Erkennen des eigenen Selbst erfolgen soll.
Aufgehängte, geschlachtete Tiere, deren Blut und Innereien, sowie auf Bahren gelegte oder auf ein Kreuz gebundene, mit Blut verschmierte, nackte oder weiß gekleidete Teilnehmer verwandeln das Geschehen zu einem real erlebten Mysterienspiel, das an die Kreuzigung und das Leichentuch Jesu Christi erinnert.

Hermann Nitsch
6-Tage-Spiel, 5. Tag, Prinzendorf, 1998
aus 36-teiliger Serie
Farbfotografie
50 x 70 cm
Fotodokumentation: Archiv Cibulka-Frey
Foto: Graphisches Atelier Neumann, Wien

Die meisten Orgien-Mysterien-Theater Veranstaltungen finden in Schloss Prinzendorf in Niederösterreich statt, welches Hermann Nitsch 1971 erworben hatte. Seit diesem Zeitpunkt werden die Aktionen mit Musik untermalt. Lärmorchester, Schreichöre, traditionelle Blasmusik und elektronisch verstärkte Instrumente werden eingesetzt. Die Attribute seiner orgiastischen Aktionen, wie Chorhemden und Kreuzbahren, sind nicht nur Teil eines aktionistischen Gesamtkunstwerks, sondern in ihrer Relikt-(Reliquien)haftigkeit selbst bereits Kunstwerke.

Hermann Nitsch
38. Malaktion, Schömer-Haus, Klosterneuburg, 1997
aus Mappe mit 22 Farbfotografien
je 70 x 50 cm
Fotodokumentation: Heinz Cibulka
Foto: Graphisches Atelier Neumann, Wien

1996 wurde Hermann Nitsch von Karlheinz Essl eingeladen, eine Malaktion im Schömer-Haus, der Zentrale des bauMax, zu realisieren. Die große, dreistöckige Eingangshalle mit seinem markanten Stiegenhaus wurde von Nitsch in einen sakralen Raum verwandelt. Alle freien Wand- und Bodenflächen bis zum ersten Stock und das in der Mitte befindliche Stiegenhaus wurden mit riesigen Leinwandflächen (bis zu 7m hoch) versehen, worauf in einem ersten Durchgang frisches Tierblut geschüttet und gespritzt wurde. Anschließend erfolgte der zweite Malvorgang mit diverser, roter Farbe, entweder dick in weinblutrot oder mit Wasser verdünnt floß diese großflächig und in dramatischer Weise die Leinwände herab. Besonders intensiviert wurde die Malaktion durch die eigens komponierte Musik für sieben Bläser und Orgel, die den sinnlich ausgelegten, performativen Malvorgang steigerte und umgekehrt.

Hermann Nitsch Hermann Nitsch
Schüttbild mit Malhemd, aus dem Auferstehungszyklus II, 2002
Acryl, Stoff auf Jute
200 x 300 cm
Foto: Selenographische Gesellschaft, Wien
Kreuzwegstation, violett/blau, 1990
Öl, Malhemd auf weißgrundierter Jute
200 x 300 cm
Foto: Archiv Sammlung Essl

Zu den ursprünglichen Farben in Nitsch’s Werk zählen an erster Stelle das Rot und dann das Schwarz. Bereits seit ende der 1960er Jahre beschäftigt er sich mit dem Phänomen Farbe, 1969 entwickelt er zum ersten Mal eine Farbenlehre des Orgien Mysterien Theaters. Er legt Farbskalen an und untersucht die Wechselwirkung der Farben zueinander, denen er auch bestimmte Klänge seiner Kompositionen zuordnet. Auch in den Schüttbildern lässt sich eine verstärkte Zuwendung zur Farbe ab etwa 1989 (28. Malaktion) und wiederum ab dem Jahr 2001 beobachten. Seine Bilder werden nun von neuen Farben bestimmt, wie einem Grün, Blau, Violett oder hellem Gelb. Für Nitsch ist hierbei vor allem der Symbolgehalt der Farben wichtig. Das Violett zum Beispiel ist die Farbe der Religion und des Leidens (der Passion).
Das vorwiegend in Gelb gehaltene „Schüttbild mit Malhemd, aus dem Auferstehungszyklus II“ (2002) zeugt von einem metaphysischen Rausch, der sich vor allem in der Materialbehandlung sehr sinnlich zeigt. Über ein blutiges, nach unten rinnendes Rot ist das Gelb des Lichts, der Auferstehung gelegt. Im weiß übermalten Hemd findet sich die Spur des Erleuchteten.

Nitsch ist im Sinne eines Universalkünstlers nicht nur als performativer Maler tätig, sondern auch als Komponist und Verfasser zahlreicher Bücher. In mehreren Bänden werden „Die Partituren aller aufgeführten Aktionen“ des OMT verlegt. Im dreibändigen Werk „Das Sein“ legt er ausführlich seine philosophischen Theorien zum OMT dar.
In zahlreichen internationalen Ausstellungen und mehrmaligen Teilnahmen auf der documenta in Kassel (1972, 1982) wurde und wird sein Werk auch heute noch gebührend gewürdigt. Große Anerkennung erfährt der teilweise immer noch umstrittene Aktionskünstler Hermann Nitsch nicht zuletzt durch seine beiden Museumseröffnungen in Mistelbach und Neapel.

Elisabeth Pokorny-Waitzer

1) Elke Schmitter, „Die schöne Barbarei. Wie Hermann Nitsch in Prinzendorf den Schöpfungsmythos nachspielte“, in: Frankfurter allgemeine Zeitung. Feuilleton vom 17. August 1998, S. 34.
2) Wieland Schmied, „Zu den Ausstellungen von Hermann Nitsch“, in: Hermann Nitsch. AK Neue Galerie der Stadt Linz, 1997, S. 49.
3) Zitat Hermann Nitsch, in: NITSCH – Eine Retrospektive, AK Sammlung Essl, Klosterneuburg, 2003, S. 23.

Für alle Werkabbildungen gilt: © VBK, Wien, 2012




AUSSTELLUNGEN UND Ausstellungsbeteiligungen im Essl Museum
2013 EINE KLEINE MACHTMUSIK
2012 DIE SAMMLUNG
2011 VIENNESE ACTIONISM. THE OPPOSITE POLE OF SOCIETY.
Works from the Essl Collection, MOCAK - Museum of Contemporary Art, Kraków_PL
2011 FOCUS: ABSTRAKTION
2010 CORSO. Werke der Sammlung Essl im Dialog
2008 KOMPLEX. Österreichische Gegenwartskunst aus der Sammlung Essl, Museum am Ostwall, Dortmund
2008 MEISTERWERKE DER SAMMLUNG ESSL, Schömer-Haus
2007 A TRIBUTE 35 Jahre Sammlung Essl
2007 PASSION FOR ART. 35 Jahre Sammlung Essl
2006 HERMANN NITSCH. Orgien Mysterien Theater – Retrospektive, Martin Gropius Bau, Berlin
2006 Gabi Bösch Gedenkausstellung, Villa Wessel, Iserloh_D
2006 ÖSTERREICH: 1900 – 2000. Konfrontationen und Kontinuitäten
2006 PERMANENT 06
2005 COLECCIÓN ESSL. Arte contemporáneo austriaco y pintura de la Posguerra / Zeitgenössische österreichische Kunst und Malerei der Nachkriegszeit aus der Sammlung Essl, Museo de Arte Moderno de México, Mexico City, weitere Station: Museo de Arte Contemporáneo de Monterrey
2003 Das Orgien Mysterien Theater, 115. Aktion im Depot des Essl Museums
2003 NITSCH - eine Retrospektive
2002 [UN]GEMALT
2002 PERMANENT 02
2001 Die Österreichische Moderne nach 1945 in der Sammlung Essl – Malerei, Grafik, Zeichnung; Kunsthalle Erfurt
2000 Österreichische Malerei der Achtziger Jahre, Gallery Klovicévi Dvori, Zagreb
2000 Works in Space, Intervention in Ausstellung SAMMLUNG ESSL - the first view
1999 the first view
1999 QUERFELDEIN - Werke aus der Sammlung Essl, Zwettler Kunstverein; Blaugelbe Viertelsgalerie, Rosenau_A
1998 Umbruch. Werke der 60er Jahre aus der Sammlung Essl, Schömer-Haus
1997 Papierarbeiten der Sammlung Essl. Zeitgenössische Österreichische Kunst, St. Louis_USA
1996 Abstraktion in Österreich, Schömer-Haus
Weitere Station: Art Gallery, Slovenj Gradec_SLO
1996 Malerei in Österreich 1945-1995. Die Sammlung Essl im Künstlerhaus Wien; weitere Station: Mücsarnok Kunsthalle, Budapest
1996 Hermann Nitsch - 38. Malaktion im Schömer-Haus und Druckgraphik von 1984-1991
1993 Jan Hoet präsentiert die Sammlung Schömer
1991 DAS JAHRZEHNT DER MALEREI. Österreich 1980 bis 1990. Sammlung Essl, Kunstforum Wien; 1992-1996 weitere Stationen in Europa, Indien und den USA
1989 Österreichische Malerei und Graphik nach 1945, Ausstellungszentrum Bärnbach_A
1987 Österreichische Gegenwartskunst aus der Sammlung bauMax; mehrere Stationen in Österreich


Weblink

www.nitsch.org >>
www.mzmistelbach.at >>
www.museonitsch.org >>


Weiterführende Literatur zu diesem Künstler finden Sie in der Bibliothek >> des Essl Museums.
updated: 26.04.2013