PERMANENT 02
Meisterwerke aus der Sammlung Essl
Neuhängung ab 01.03.2002
Kuratoren: Karlheinz Essl & Andreas Hoffer
Zum zweiten Mal seit der Eröffnung im Herbst 1999 zeigt
Karlheinz Essl seine Auswahl an Werken der Sammlung. Die Arbeiten
repräsentieren einen Querschnitt, der persönliche
Akzente setzt und die Schwerpunkte im Sammlungsprogramm von
Agnes und Karlheinz Essl erfahrbar macht.
Die Sammlung bietet mit 4500 Werken einen Einblick in die Kunst
des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Bandbreite, seit
den 90er Jahren auch international ausgerichtet, reicht vom
Informel über den "Wiener Aktionismus" und die realistischen
Tendenzen der 70er, bis zur "Neuen Malerei" der 80er Jahre und
zum Stil- und Medien-Pluralismus der Gegenwart. Beispiellos
ist die österreichische Malerei seit 1945 dokumentiert
und in einen internationalen Kontext gestellt.
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MARC QUINN
Alison Lapper (8 months) (2000)
Alison Lapper and Parys (2000)
Marmorskulpturen, 83,5 x 40 x 65 cm |
Permanent 02 vermittelt neue, spannende Einsichten in
die Sammlung und ihre internationale Entwicklung der letzten
Jahre. Die Ausstellung zeigt Werke, die bisher selten zu sehen
waren - viele davon werden erstmals präsentiert. Die Säle
sind thematisch geordnet, so treten die Werke in visuelle Dialoge
oder werden auf ungewöhnliche Weise präsentiert. Mit
einer Wand, wie im Depot gehängt, wird die konzentrierte
Arbeitsweise Arnulf Rainers besonders anschaulich.
Dem "Wiener Aktionismus", einem aufregenden Beitrag Österreichs
zur Gegenwartskunst, widme ich einen eigenen Raum. Die "Aboriginal
Art" und sogenannte "westliche" Kunst treffen aufeinander. Die
Galerie 7 kristallisiert sich zunehmend zu einem Projektraum,
den Künstler bearbeiten. Die von Peter Kogler für
die Sammlung Essl entworfenen Module verdichten diese Galerie
zu einem Raumkunstwerk."
(Karlheinz Essl)
POESIE DER ABSTRAKTION
Galerie 1
Ab 1985 tritt bei Hubert
Scheibl eine Konzentration auf eine einzige, das Gemälde
bestimmende Farbe auf. So nimmt bei der Arbeit "O" von 1995/96
die vitale Kraft der roten Farbfläche den Betrachter gefangen.
"Es ist mir ein wichtiges Anliegen, die molekulare Energie
der Farbe als Materie so zu behandeln, dass die Schichten nie
ganz ineinander übergehen. Zwischen den Farbschichten zirkuliert
die Luft."
(Hubert Scheibl)
Erwin Bohatsch verdichtet stille Farbkontraste zu Schichten
voll subtiler Transparenz, die sich dem Blick des Betrachters
wie fließende Schleier öffnen. Beide Bilder von Bohatsch
im farbigen Zusammenspiel mit einer weiteren Arbeit von Hubert
Scheibl zähmen die Energie der roten Farbe und führen
zu elementaren Formen der Natur, die in den Arbeiten von Herbert
Brandl und Per Kirkeby erfahrbar werden.
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HERBERT BRANDL
Ohne Titel (1994)
Öl auf Leinwand, 240 x 180 cm
© Sammlung Essl Privatstiftung |
Für Herbert Brandl
sind es die sich langsam entwickelnden Kräfte der Natur,
die mit der physischen Kraft der Farbe und der Geste einen immateriellen
Raum entstehen lassen. Innenansicht und Außenwahrnehmung
führen bei Brandl zu mutigen Farb-kombinationen, die auch
das Unmögliche zulassen.
"Ich möchte den persönlichen Gestus nicht betonen.
Ich versuche, ihn zu relativieren, ihm irgend etwas entgegenzusetzen,
das ihn stört oder in eine andere Richtung bringt - etwas
Fremdes..."
Der dänische Künstler Per Kirkeby spricht von der
Stofflichkeit, die ihn fasziniert. Die Sedimentation hauchdünner
Schichten, das Entstehen von Löchern werden von ihm bis
ins Detail erforscht,
"wo man nicht mehr weiß, ob große Dinge kleine
Dinge sind, ob etwas ähnlich ist oder nur malerischer Stoff."
Bildräume aus imaginärem Licht voll visueller Poesie:
Vermeint man bei Per Kirkeby einzelne Lichtquellen zu entdecken,
so scheint bei Erwin Bohatsch das Licht in den Flächen
zu schimmern; bei Hubert Scheibl wird es nebeldickes Weiß
oder durchbricht kraftvoll strahlend das Rot und öffnet
bei Herbert Brandl den oberen Bildraum mit einem flirrenden
Gelb.
Maria Theresia Moritz
DER KÖRPER UND SEINE BRÜCHIGKEIT
Galerie 2
Maria Lassnig beschreibt
ihre Körper-Befindlichkeiten und ihre Beziehung zur Umwelt
über die Malerei. Gefühle wie das "durch die Wand gehen"
oder der Verlauf des weiblichen Lebenszyklus werden thematisiert.
Lassnigs Malerei ist von sensiblem Farbempfinden geprägt.
"Der Begriff Körpergefühl sagt, was er sagt, dass
es sich nicht um ein psychisches, sondern ein physisches Gefühl
handelt, dass dies eine sehr temporäre Sache ist..."
(Maria Lassnig)
Während es in der Malerei von Maria Lassnig um sehr persönliche
Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper geht, stehen
für Georg Baselitz
formale, kunstimmanente Fragen der Bildgestaltung im Zentrum
seines Interesses. Durch Umkehrung werden die Motive ihrer erzählerischen
Funktion enthoben und der Blick des Betrachters auf die Malerei
gelenkt. Selbst der eigene Körper wird, z.B. bei "Fingermalerei
Akt", zum Objekt malerischer Problemstellungen. In den frühen
Frakturbildern, die vor den Umkehrungen entstanden, wie etwa
"Hockender Hund", zerschneidet Baselitz den Gegenstand und beschädigt
so dessen Form. Brüchigkeiten der Oberfläche sind
auch als Beschädigungen menschlichen Bewusstseins zu lesen.
Siegfried Anzingers gesichtlose Gestalten wie auch die vom Betrachter
abgewandten Figuren tauchen undeutlich auf, sind nur flache
Erscheinungen in der Malfläche. Sie geben wenig bis gar
keine Auskunft über sich und ihr räumliches Umfeld.
Anzinger arbeitet mit Leimfarbe auf Leinwand. Das Farbpigment
wird in Leimwasser aufgelöst und die Leinwand mit Terpentin
ausgewaschen. Dieser Vorgang verleiht den Bildern ihren wässrig-fließenden
Charakter. Der Pinselstrich ist bewegt und legt den Entstehungsprozess
offen.
Kunsthistorisch orientierte Auflösungen des Gegenstandes
findet man in den Werken von Markus
Lüpertz. In seinem Zyklus zu Arbeiten von Nicolas Poussin
zerstückelt und deformiert Lüpertz die Vorbilder in
einer mit Picasso vergleichbaren Handschrift. Auch Lüpertz
unterzieht den menschlichen Körper einer analytischen Umwandlung.
Bedrohliche Masken und geometrische Figuren umschließen
die Körper wie ein Netz. Die Körperfragmente selbst
berühren einander und stellen so eine Verbindung zum Motiv
des Vorbildes her: Adam und Eva in Poussins "Frühling"
von 1660-64.
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MARC QUINN
Alison Lapper (8 months) (2000)
Marmorskulptur, 83,5 x 40 x 65 cm
© Sammlung Essl Privatstiftung |
In Relation zur malerischen Umsetzung von Körpervolumen
und seiner Fragilität sind die Marmorskulpturen von Marc
Quinn zu sehen. Quinn thematisiert Missbildungen des menschlichen
Körpers, ausgelöst durch die Einnahme des Medikamentes
Kontergan. Das Fehlen von Gliedmaßen setzt Quinn in Beziehung
zu den Torsi antiker Figuren. Klassische Manier und weißer
Marmor überhöhen die dargestellte Person und berauben
sie ihrer Individualität.
Die Behinderung wie auch die
Schwangerschaft betonen dagegen kontrastreich die Körperlichkeit.
Die Spannung des Werkes begründet sich aus dieser extremen
Polarisierung. Quinn untersucht das "Bewohnen" eines Körpers
und "Verkörperungen".
Elke Zingler
MALEN OHNE SICHERHEIT
Galerie 3
Gewünschte Absichtslosigkeit und das Nicht-Kontrollierbare
prägen die Informelle Malerei der 50er Jahre. Aus Körperbewegung
und dem sich daraus ergebenden Gestus entsteht der spontane Malakt.
Das Bild geschieht in einem sich selbständig machenden Malprozess.
Die fast monochrom rote Fläche in "Red on White. Los Angeles
III" von Markus Prachensky
bezieht ihre Spannung aus den minimalen Aussparungen der weiß
grundierten Leinwand. Von einem explosiven Gestus sind nur noch
wenige Farbspritzer sichtbar. Den malerischen Gestus setzt Josef
Mikl kraftvoll und bewusst ein. Der farbkräftige Entwurf
für das Deckengemälde im Wiener Redoutensaal ist von
einer Rahmen sprengenden Dichte. Die Geste in der Malerei von
Julian Schnabel ist zurückgenommen und vorsichtig gesetzt.
Fragmentarisch und zufällig wirken die Spuren, die ein farbgetränkter
Lappen auf der Leinwand hinterlässt.
Wolfgang Hollegha verwendet in Anlehnung an das amerikanische
"Colourfield Painting" dünnflüssige Farbe. Die Farben
fließen ineinander, die Formen verschwimmen auf der Leinwand,
der malerische Prozess wird sichtbar. So bekommt der Gestus eine
lyrische Dimension. "Es gibt kein Abmalen eines innerlich
bereits fertigen Bildes. Jedes aufs Neue die lebendige spannungsvolle
Form, wobei sich Unsicherheit und Verwirrung nicht vermeiden lassen."
(Wolfgang Hollegha, 1980)
MALEN OHNE SICHERHEIT
Galerie 3
Gewünschte Absichtslosigkeit und das Nicht-Kontrollierbare prägen
die Informelle Malerei der 50er Jahre. Aus Körperbewegung
und dem sich daraus ergebenden Gestus entsteht der spontane Malakt.
Das Bild geschieht in einem sich selbständig machenden Malprozess.
Die fast monochrom rote Fläche in "Red on White. Los Angeles
III" von Markus Prachensky
bezieht ihre Spannung aus den minimalen Aussparungen der weiß
grundierten Leinwand. Von einem explosiven Gestus sind nur noch
wenige Farbspritzer sichtbar. Den malerischen Gestus setzt Josef
Mikl kraftvoll und bewusst ein. Der farbkräftige Entwurf
für das Deckengemälde im Wiener Redoutensaal ist von
einer Rahmen sprengenden Dichte. Die Geste in der Malerei von
Julian Schnabel ist zurückgenommen und vorsichtig gesetzt.
Fragmentarisch und zufällig wirken die Spuren, die ein farbgetränkter
Lappen auf der Leinwand hinterlässt.
Wolfgang Hollegha verwendet in Anlehnung an das amerikanische
"Colourfield Painting" dünnflüssige Farbe. Die Farben
fließen ineinander, die Formen verschwimmen auf der Leinwand,
der malerische Prozess wird sichtbar. So bekommt der Gestus eine
lyrische Dimension. "Es gibt kein Abmalen eines innerlich
bereits fertigen Bildes. Jedes aufs Neue die lebendige spannungsvolle
Form, wobei sich Unsicherheit und Verwirrung nicht vermeiden lassen."
(Wolfgang Hollegha, 1980)
Morris Louis schüttet Farbe über die Leinwand, aber
nicht wie Jackson Pollock in wildem Gestus, sondern mit einem
konzentrierten und gelenkten Fließen. Das ruhige Arbeiten
mit dünnflüssiger Farbe verleiht der Malerei meditative
Stille. Der verbleibende leere Raum eröffnet im Bild unbegrenzte
Weite. Sam Francis präsentiert Leere, eine ins "off" gerückte
Malerei. Das ausgesparte Bild scheint an einem anderen Ort zu
existieren: Ausgelöschte Information. Die Leerstelle definiert
die Suche nach der Malerei, sie funktioniert hier als Begrenzung
der Leere. Die Übermalungen von Arnulf Rainer sind ein Gegenstück.
Vorhandenes wird nicht durch eine Leerstelle ersetzt, sondern
durch Übermalen ausgelöscht. Anfang der 60er Jahre gab
Sam Francis eines seiner Werke Arnulf Rainer zum Übermalen.
Morris Louis schüttet Farbe über die Leinwand, aber
nicht wie Jackson Pollock in wildem Gestus, sondern mit einem
konzentrierten und gelenkten Fließen. Das ruhige Arbeiten
mit dünnflüssiger Farbe verleiht der Malerei meditative
Stille. Der verbleibende leere Raum eröffnet im Bild unbegrenzte
Weite. Sam Francis präsentiert Leere, eine ins "off" gerückte
Malerei. Das ausgesparte Bild scheint an einem anderen Ort zu
existieren: Ausgelöschte Information. Die Leerstelle definiert
die Suche nach der Malerei, sie funktioniert hier als Begrenzung
der Leere. Die Übermalungen von Arnulf Rainer sind ein Gegenstück.
Vorhandenes wird nicht durch eine Leerstelle ersetzt, sondern
durch Übermalen ausgelöscht. Anfang der 60er Jahre gab
Sam Francis eines seiner Werke Arnulf Rainer zum Übermalen.
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"Rainer-Wand" in der Galerie 3
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Arnulf Rainer prägt die österreichische Kunstszene
nach 1945 wesentlich. Die in Anlehnung an die Bildaufhängung
in den Depots ausgestellten Arbeiten belegen das vielschichtige
und komplexe frühe Werk Rainers. "Zentralisationen" leiten
Rainers Auseinandersetzung mit dem Informel und dem Abstrakten
Expressionismus ein, die Mitte der 50er Jahre von den dunklen
Übermalungen, oft in Kombination mit der Kreuzform, abgelöst
werden. Diese sind anstelle des extrovertierten aggressiven Frühwerks
durch einen langsamen, verinnerlichten und meditativen Farbauftrag
gekennzeichnet. Verdunklung und Auslöschung steht nicht nur
für das Destruktive, sondern auch für das Verinnerlichte,
für die Askese. (Florian Steininger, 2001)
"Es ist der Sinn meiner Arbeit, alles das vom Werk zu distanzieren,
was nicht unmittelbares Ordnen der funktionalen Mittel ist; auf
jede Subjektivität und Phantasie zu verzichten."
(Arnulf Rainer zu den "Zentralisationen", 1954)
"Das Ungenügen und die Revolte treibt die Malerei.
Die wirkliche Malerei kommt erst."
(Arnulf Rainer, 1958)
"Ich sehe bei einem Bild sofort immer nur die schlechten
Stellen, zumindest wenn ich für das Objekt Sympathie empfinde.
Diese, die schwachen Stellen, zu vertuschen, eine nach der anderen
so lange zu verdecken, bis ich nichts mehr sehe, hat mich zu den
Übermalungen geführt. Also Liebe und Vervollkommnungsdrang.
Ich wollte noch schönere Kunstwerke daraus machen... So höre
ich nie auf, meine Bilder zu bearbeiten."
(Arnulf Rainer, 1971)
"Seit dem Hand- und Fingermalexperiment passiert es mir
immer wieder, dass ich ab einer gewissen nervlichen Erregungsstufe
den Pinsel fallen lasse, die Hände in die Farbe tauche und
mit zwei, drei Fingern forme oder mit der ganzen Hand verschmiere."
(Arnulf Rainer, 1973)
Bei den abstrakten Werken der 80er Jahre legt Gerhard
Richter zunächst einen "weichen, illusionistischen
Grund an. Dann setzt er - oft an mehreren Leinwänden gleichzeitig
arbeitend - unterschiedlich große, manchmal riesige selbstgebaute
Spachteln mit Farbe an, die er über die Leinwand zieht. Die
Farbe erscheint durch Wechsel des Drucks in unterschiedlichen
Intensitäten, Mischungen, Strukturen. Geplanter Zufall spielt
hier eine wesentliche Rolle."
(Uwe M. Schneede)
Mela Maresch, Andreas Hoffer
FLÄCHE UND REDUKTION
Galerie 4
Pierre Soulages arbeitet seit den 50er Jahren an einer reduzierten
Form abstrakter Gestik. Der Pinselstrich wird als horizontaler
oder vertikaler Balken aus einem formal-inhaltlichen Zusammenhang
genommen. Die monumentale Zeichenhaftigkeit geht auf die Beschäftigung
Soulages mit romanischer Kirchenarchitektur und ostasiatischer
Kalligrafie zurück. Schwarz ist seine bevorzugte Farbe. Seit
den 90er Jahren beschäftigt er sich hauptsächlich mit
Licht und Schatten auf reinschwarzen Bildflächen.
Günter Förg setzt
sich in seinem malerischen und fotografischen Werk mit Fläche,
Struktur, Proportion und Materialität auseinander. Sein formaler
Purismus ist von der architektonischen Moderne des frühen
20. Jahrhunderts beeinflusst. Die streng vertikalen Rechtecke
der Arbeit "Farbfeld" werden malerisch unterschiedlich behandelt.
Der Blick des Betrachters wird so auf die feinen Unterschiede
der Malgründe und Bildflächen gelenkt.
Minimalismus und formale Strenge bestimmen auch frühe Arbeiten
von Frank Stella. Bei Stella sprengen die monochromen geometrischen
Formen das Rechteck des Bildes. Sie geben dem collagierten Bildkörper
Dynamik. Seit den 80er Jahren transformieren sich die dynamischen
Farbflächen auch zu dreidimensionalen Raum-Objekten.
Peter Halley
Disaster Recovery (2000)
Arcyl, Day-glo, Metall-Acryl, perlmutternes Acryl
und Roll-a-Tex auf Leinwand, 213 x 180 cm
© Peter Halley (courtesy Galerie Thaddaeus Ropac)
Peter Halley fügt grellbunte und mit industriellen Dekor-Farben
gemalte Kompositionen zu geschlossenen Systemen. Formal dazu angeregt
wurde Halley durch die "Ästhetik" von Gefängniszellen
und organischen Kreislaufsystemen.
"Was mir daran gefällt, mit einer geschlossenen, begrenzten
Anzahl von Elementen zu arbeiten, ist die Tatsache, dass ich,
ohne das System zu verändern, über die Jahre hinweg
sehen kann, wie ich dieses System eingesetzt habe um unterschiedliche
Dinge auszudrücken, weil ich mich selbst verändert habe."
(Peter Halley)
Lucio Fontana zerschneidet im "Concetto spaziale" die monochrome
Fläche des Bildes "in Realita". Der Einschnitt ist eine Zerstörung
der Malerei. Die monochrom betonte Zweidimensionalität der
traditionell dem Scheinraum dienenden Malerei wird zum real räumlichen
Objekt. Der Raum hinter dem Bild wird sichtbar. Die Form ist nicht
gemalt, sie entsteht durch einen bewussten Akt der Verletzung, der
mit hoher ästhetischer Qualität gesetzt wird. Eine ähnliche
Position vertrat der Kärntner Hans Bischoffshausen, ein Freund
Fontanas und ebenso wie dieser Mitglied der Gruppe ZERO AVANTGARDE.
Bischoffshausen entwickelte seine sogenannten "Struktur Reliefs"
in den 60er Jahren in Paris. Monochrome Flächen werden derart
bearbeitet, dass reliefartige, manchmal auch eingeschnittene Formen
entstehen, die Strukturen bilden. Die Arbeiten von Bischoffshausen
sind von minimalistischer Strenge. Als eine Auflösung der Trennung
von Bild und Raum lässt sich die plastische Erweiterung der
Bildflächen beobachten. Dieser künstlerische Ansatz fand
in Österreich keine Entsprechung und wurde kaum geschätzt.
Andreas Hoffer
VON DER AKTION ZUM AKTIONISMUS
Galerie 5
Auf den subjektiven Entäußerungen eigener Befindlichkeiten
in der abstrakten, informellen Malerei und den Aktionen des Tachismus
baute Anfang der 60er Jahre der "Wiener Aktionismus" auf, die
österreichische Variante von "Happening" und "Fluxus". Auch
Günter Brus und Alfons Schilling kommen von der gestischen
Malerei. Bei Schilling führt das zu raumgreifender Malerei:
Die Übertragung der Körperbewegung auf die Bildfläche
wird, wie in dem Rotationsbild, sichtbar.
Günter Brus
Zerreissprobe (1970)
Aktion in München
S/W-Photographie
1961 präsentierte die Galerie "Junge Generation" wilde
Müll-Skulpturen von Otto Mühl und Adolf Frohner. Kurz
darauf verfassten Mühl, Frohner und Hermann Nitsch die "Blutorgel",
das erste Manifest des "Wiener Aktionismus", in dem die Gleichsetzung
von Kunst und Leben gefordert wird. Schockierende, tabubrechende
Aktionen von Brus, Mühl, Nitsch und Rudolf Schwarzkogler
bestimmten, wenn man von der Marktpräsenz der "Phantastischen
Realisten" absieht, die österreichische Kunstszene der 60er
Jahre. Durch den Aktionismus erreichte die Kunst in Österreich
erstmals eine politische Dimension, wie man sie bis dato noch
nicht gekannt hatte. Die Aktionisten stellten, neben den traditionellen
Kunstbegriffen, auch den österreichischen Staat mit seinen
Obrigkeiten und seiner katholischen Prägung in Frage. Das
Finden neuer künstlerischer Ausdrucksformen und das Überschreiten
gewohnter Grenzen war ihnen aber ein ebenso wichtiges Anliegen.
Daneben waren die Aktionisten aber auch in der österreichischen
Tradition verhaftet. Der barocke Überschwang und die Expressivität
ihrer Aktionen folgten der Kulturgeschichte des Landes ebenso,
wie sich ihr Hang zur Selbstanalyse und Selbstzerstörung
auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds bezog. In Aktionen wie "Wehrertüchtigung"
von Mühl und "Zerreißprobe" von Brus oder in der folgenschwersten
Aktion "Kunst und Revolution" bemalten, beschütteten und
verletzten die Aktionisten ihre Körper oder befreiten ihn
vor Publikum von allen Körpersäften.
Nach der als "Uni-Ferkelei" berühmt gewordenen Veranstaltung
wurden Brus und Mühl strafrechtlich verfolgt, worauf Brus
Österreich verließ. Etwa zur selben Zeit zog Nitsch
nach München. Der "Wiener Aktionismus" hatte damit als Gruppenphänomen
sein Ende gefunden.
Gabriele Bösch
SPUREN SUCHEN / ZEICHEN SETZEN
Galerie 6
Die Kunst der Aboriginal-People
erzählt die vor ca. 60.000 Jahren beginnende Geschichte ihrer
Herkunft und der Zugehörigkeit zu den Tieren, Pflanzen, Wasserstellen
und Nahrungsquellen ihres Landes. Sie erzählt aber auch von
einer Kultur, die von den Weißen zerstört wurde und
wird. Seit den frühen 70er Jahren werden die Spuren und Zeichen,
die "Dreamings" der Aboriginal-People, auch auf Leinwände
gemalt, dem traditionellen Material der Weißen. Diese "reisenden
Bilder" sind dazu bestimmt, das Land der Aboriginal-People zu
verlassen, um ihre Geschichten dort zu erzählen, wo die Reisen
der Bilder enden.
Yirawala
Ngirr Ngirr (The Cicada's first song) (ca. 1969)
Natürliche Erdpigmente auf Eukalyptusrinde
63 x 34cm
Rover Thomas beschreibt in seinem Bild das Wesen des sogenannten
Wingiginy Landes, wo einst das große, rote Känguru
graste, in der schwarzen und roten Erde, auf sandigem Grund und
steinigen Niederungen. Emily Kame Kngwarreye ist eine Künstlerin
der Utopia-Gemeinschaft und Gesetzeshüterin des Wissens über
Frauenzeremonien. Sie malt eines ihrer Dreamings: Kame, die Samen
und Blüten der Süßkartoffel "Yam". Sie erforscht
die verwurzelten Bahnen unterirdischer Knollengewächse, wie
die Muster und Farben der Blätter, der Samen und der Blüten.
Kngwarreye grundierte ihre Leinwand oft mit schwarzer Farbe. Das
erinnert an die Herkunft vieler ihrer Muster, die vergleichbar
bei der traditionellen Körperbemalung benutzt werden: Roter
und weißer Ocker auf schwarzer Haut. Turkey Tolson Tjupurrula
symbolisiert Speere durch parallele Bänder. Speere wurden
von den Männern leicht über Feuer erwärmt und solange
sie noch warm waren, begradigt. Billy Yirawala zeigt Momente der
Maraian-Zeremonie. Eine Zikade kommt gerade aus der Erde hervor
um ein Lied vom Leben und vom Leben nach dem Tod zu singen.
Von Natur, Naturbegegnung, Reisen, Symbolen und Zeichen als Kürzel
sind auch die Werke der Künstler des "Westens" in diesem
Raum geprägt. Der 2001 verstorbene Tiroler Max
Weiler vergleicht seine "Landschaftsanalogien" mit dem Empfinden
von Landschaft und Natur schlechthin. "Bei mir selbst ist
es Neuschöpfung der Natur, ein neues Hervorbringen von Bergartigem,
Grasartigem, Wolkenartigem, Erdartigem, Blumenartigem, Luftartigem,
Baumartigem." (Max Weiler)
Der Spanier Antoni Tàpies gibt den natürlichen Elementen
ihre Bedeutung durch die Art wie sie vom Künstler verwendet
werden. Tàpies Werke spiegeln mit ihrer Hinwendung zur
Materie, zu Erdtönen und -flächen mehr reale Präsenz
wider, als traditionell realistische Bilder. Die strengen, genau
gesetzten Ordnungen der Bilder, die Reduktion und Verdichtung,
sind weit weg von Zufall und Willkür. Die Abstraktionen entsprechen
langen Reisen durch Erfahrung, Erleben und Geist. Auch Zeichen,
wie das häufig aufscheinende Kreuz, sind Hinweis und Rätsel,
Geheimnis und magischer Code zugleich. "Ich könnte
kein Bild gestalten, ohne dass darin eine Idee, eine Suggestion
wäre, die sich auf das Leben bezieht und uns helfen könnte,
die Wirklichkeit zu erkennen und zu formen." (Antoni Tàpies)
Der aus Kärnten stammende Johanes Zechner ist ein Reisender.
Unterwegs mit dem Koffer, der das Maß für die Bilder
vorgibt, geht er auf Spurensuche, sammelt Ein- und Ausdrücke.
Materialien aus allen Gebieten des Lebens und der Welt, Gegenstände
jenseits traditioneller Bestimmungen sind Rohmaterial für
Zechners Kunst. Seine Bildserien funktionieren wie Sätze,
bei denen jedes Bildteil für ein Wort bzw. für eine
Erinnerung steht, die mittels Farbe und Zeichensprache geweckt
wird.
Mela Maresch
PETER KOGLER - RAUMINSTALLATION
Galerie 7
In seiner formalistischen Philosophie vom amerikanischen Minimalismus
der sechziger und siebziger Jahre stark beeinflusst, ist die Wiederholung
bestimmter Motive eng verknüpft mit der menschlichen Anatomie,
dem Gehirn, Gesicht, Skelett oder Röntgenbild. All dies führt
uns in gewisser Weise zur lokalen Geschichte zurück, insbesondere
zum Wiener Aktionismus, der Kogler dazu geführt hat, sich
mit einer außergewöhnlichen Reife in diesem Zwischenbereich
des je t’aime moi non plus zu positionieren.
Aber für Kogler hat die Wahrung von Distanz Vorrang, was
ihn zu einer der freiesten und autonomsten Persönlichkeiten
der österreichischen Szene macht.
Peter Kogler
Ohne Titel (2002)
Rauminstallation für die Sammlung Essl
In allen seinen Arbeiten schafft Kogler immer wieder Neues und
er beschäftigt sich im Wesentlichen mit dem Problem des Motivs
im Raum. Die Form in ihrer Wiederholung und ihrer Entfaltung am
Ort, so wie die Leichtigkeit im Umgang mit den Materialien und
deren explizite Modernität kennzeichnen die Vorgangsweise
dieses österreichischen Künstlers. (Ami Barak, Bregenz
2000)
Wie sich Pop-Art aus dem Fundus der Warenästhetik bedient,
bedient sich Peter Kogler aus jenem der Medienästhetik, nutzt
er die Verfügbarkeit vorfabrizierter Muster, Zeichen und
Symbole. Wie die Amerikaner zeiht er aus Duchamps Readymade keinen
formalen, sondern einen produktionstechnischen Schluss, nimmt
sozusagen dessen Angebot auf Befreiung der Kunst von der Arbeit
an und bezieht ihr Kunstmaterial gebrauchsfertig und anwendungsfreundlich
von der Industrie. Insofern könnte man diese Vorgangsweise
auch als Nobilitierung des Banalen bezeichnen, die wie Pop auf
jeden ästhetischen Erziehungsanspruch verzichtet, einfach
als eine kreative Bestätigung dessen, was unter den Bedingungen
der neuen Technologien möglich ist.
Edelbert Köb (Bregenz 2000)
BILDER – GESCHICHTE
Großer Saal
Jörg Immendorff
beherrscht mit "Was uns Malerei bedeuten kann" die Stirnseite
des Saales. Die Erzählung scheint durch den Realismus offensichtlich,
die Symbole bleiben aber rätselhaft. Immendorff hat die Geschichte
der Malerei und die Position des Künstlers in der Gesellschaft
zu seinem Thema gemacht. Er selbst tritt mehrmals im Bild auf.
Seine Bildgeschichten werden wie auf einer Bühne ausgebreitet;
er verwendet Symbole aus dem Fundus der Geschichte. "Ich
will wie ein Filmregisseur verschiedene Elemente spielen lassen."
(Jörg Immendorff)
Hubert Schmalix
Alphaomega groß IV (1994)
Öl auf Leinwand
244 x 198 cm
Die Christusdarstellungen von Hubert
Schmalix sind von formaler Strenge geprägt. Die Figur
in Seitenansicht wird abstrahiert und in die Bildfläche gebunden.
Stellenweise bricht die Malerei den strengen Aufbau durch einen
bewegten Pinselduktus auf. In den Bildern von Schmalix wird Geschichte
nicht erzählt, die Thematik ist inhaltlich aber aufgeladen.
"Der Gedanke an Christus kam durch einen Auftrag einer Kirchengemeinde
in Vorarlberg, den ich angenommen habe, ohne wirklich große
Ahnung von Christus zu haben... Es ist nicht so sehr das Religiöse,
das mich daran gereizt hat, sondern eher die christliche Philosophie..."
(Hubert Schmalix)
Durch die beidseitige Bemalung eines Transparentbildes von Sigmar
Polke entsteht eine Überlagerung der Motive, die zu einer
Verschmelzung und Auflösung der Darstellungen führt.
Eine seltsam surreale Illusion wird geschaffen. Polkes Werk ist
vom experimentellen Umgang mit Malerei bestimmt, als Sujets verwendet
er auch Alltägliches, ohne jede Wertung. Er entzieht sich
jeder stilistischen Kategorisierung: "Stil ist Gewalt... und wir
sind nicht gewalttätig..." (Sigmar Polke)
Die Bilderberge der Kunstgeschichte hat Martin Kippenberger manchmal
als Schrotthaufen, manchmal als Steinbruch aufgefasst. Er bediente
sich ohne besonderen Respekt aber mit großem Interesse der
Kunst-Geschichte. Bei Aneignungen, wie z.B. "Krieg böse",
das sich an das "Floß der Medusa" von Theodore Géricault
anlehnt, können die Vorlagen verhöhnt oder selbst zu
dramatischen Auftritten werden. "Einen eigenen Stil finden, daran
hat es bei mir gehapert, bis mir auffiel, dass stillos zu sein,
auch ein Stil ist, und den habe ich dann verfolgt... Abklatsch
verhilft einem zur Größe, wenn man die Regeln des Vergessens
kennt." (Martin Kippenberger)
Bildsprachliche Dichtung und bewusste Stilkollisionen kennzeichnen
die Arbeiten von David Salle. Figuratives und Abstraktion werden
innerhalb eines Bildraumes verbunden, Spannung wird erzeugt. Überraschungen
ergeben sich durch das "Einbauen" von Bildern oder Skulpturen
in die Bildfläche. Salle verbindet Elemente aus verschiedenen
Zeiten und Kulturen. Er verarbeitet aber auch Triviales wie das
"Malen nach Zahlen". Der Bilderzählung kommt bei dem zeitgleichen
Nebeneinander unterschiedlicher Inhalte keine eindeutige Bedeutung
zu.
Donald Baechler kombiniert Stile und Materialien in seinen Bildern.
Ornament ist hier ebenso zu finden wie an Kindermalerei orientierte
Motive, geometrische Farbflächen oder Zeitungsausschnitte
und Logos aus der Alltagskultur. Auch Ford Beckman bearbeitet
ein Bild der amerikanischen Alltagskultur, einen Stummfilmstar
als Clown. Technik und Bildträger, Siebdruck auf Segeltuch,
unterstreichen die Auseinandersetzung mit populärer Kultur.
Eine "feste Masse der aneinandergereihten Erinnerungen"
(Paladino) bestimmen Arbeiten des italienischen Künstlers
Mimmo Paladino. Die komplexen Bildgeschichten bieten eine Fülle
von Deutungen an. Symbole und Zeichen verweisen auf eine mystische
Welt, in der Lebende und Tote nebeneinander existieren. Archaische
Rituale, archäologische Funde und Zitate aus der Kunstgeschichte
werden verarbeitet. Die flächige Aneinanderreihung von Motiven
führt zum Beispiel in die frühchristliche und mittelalterliche
Malerei zurück.
"Spanier" und "Spanierin" von Franz
Ringel, zwei Köpfe in expressivem Pinselduktus gemalt,
zeigen Gesichter voll von malerischen Aufregungen. Das Malen steht
bei den Köpfen, die Anfang der 80er Jahre entstehen, vor
der Erzählung. Nicht konzeptuelle Eindeutigkeit, sondern
die malerische Annäherung an die Welt kennzeichnen Ringels
Werke. "Für mich ist es so, Malen bedeutet eigentlich
Leben." (Franz Ringel)
Elke Zingler, Andreas Hoffer
Die KünstlerInnen
Siegfried Anzinger, Georg Baselitz, Hans Bischoffshausen, Erwin
Bohatsch, Herbert Brandl, Günter Brus, Lucio Fontana, Günther
Förg, Sam Francis, Adolf Frohner, Peter Halley, Wolfgang
Hollegha, Jörg Immendorff, Emily Kame Kngwarrey, Martin Kippenberger,
Per Kirkeby, Peter Kogler, Maria Lassnig, Morris Louis, Markus
Lüpertz, Josef Mikl, Otto Mühl, Hermann Nitsch, Mimmo
Paladino, Sigmar Polke, Markus Prachensky, Marc Quinn, Arnulf
Rainer, Franz Ringel, David Salle, Hubert Scheibl, Alfons Schilling,
Hubert Schmalix, Julian Schnabel, Pierre Soulages, Rudolf Schwarzkogler,
Frank Stella, Antoni Tàpies, Rover Thomas, Rosemarie Trockel,
Max Weiler, Johanes Zechner
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