DER STANDARD vom 23.-26.12.2000 Kultur


Man schmeckt, wenn der Chef kocht

Karlheinz Essl zeigt mit eigenen Exponaten seine Sicht der Kunstgeschichte


VON MARKUS MITTRINGER

Klosterneuburg - Die erste Präsentation hat Rudi Fuchs, der Direktor des Stedelijk Museums Amsterdam, gestaltet: Sein the first view auf die Sammlung Essl manifestierte sich ohne theoretischen Standpunkt. "Ich habe mit dem, was vorhanden war, gearbeitet, damit habe ich versucht, atmosphärische und spannende Säle zu gestalten." Der "erste Blick", den dadurch eine breite Öffentlichkeit in die private Obsession der Eheleute Essl tätigen konnte, war für Rudi Fuchs "reine Praxis, ein Resultat des Auges".

Es war Rudi Fuchs' erste Vision dessen, was mit dieser überbordenden Sammlung in diesem Haus alles möglich ist. Szenisch. Der Neubau wollte erst entdeckt, wachgeküsst werden. Und für die potenziellen Besucher sollte endlich offensichtlich werden, dass der "Österreicher-Sammler" Essl längst schon damit begonnen hatte, nationale Grenzen zu überwinden, und längst schon damit, Malerei und Skulptur jenseits des Gestischen zu sammeln.

Fuchs sollte das Internationale mit dem Österreichischen mischen. Und hat - und damit ist er vielleicht entscheidend für die weitere Entwicklung der Sammler - den Essls verboten, das Wort "international" in diesem Zusammenhang jemals wieder zu verwenden: "Das ist künstlerisch nicht vertretbar und außerdem unsinnig, eine Trennung zwischen Kunst aus Österreich und Kunst aus anderen Ländern zu machen", argumentierte der weltgewandte und gewichtige Museumsmann.

Und inszenierte seine Melange aus dem Vorhandenen: So kam A. R. Pencks Klimt zu Ehren neben Maria Lassnigs Mit dem Kopf durch die Wand zu hängen, so wurden Richter, Soulages und Kocherscheidt zu temporären Gesellen. Rudi Fuchs nannte das damals "eine Inszenierung, die wichtige Werke internationaler Künstler in präzisen Vergleichen beispielhaft und kritisch zusammenbringt". Und da waren dann eben keine Alpen mehr im Weg.

Und dann, hat sich Essl, der Herr über Haus und Bilder, gedacht, kocht er einmal selber; mit den Zutaten aus seiner prallen Vorratskammer. Und erneut ist es ein Überblick geworden. Er hat sich damit nicht nur in seinem Haus eingerichtet, er hat sich seine Kunstwelt zurechtgelegt, indem er seinen Kippenberger neben seinen Jean Scully hängte oder seinen Informel-Begriff formulierte: Prachensky, Mikl, Hollegha zusammen mit einer Zentralisation Arnulf Rainers und dem großen Tapiès. Den Rainer lässt er diese Enge mit einer Face Farce wieder aufbrechen. Und den Gunter Damisch die Transfersituation in den nächsten, den "imaginären" Raum mit Richter, Weiler und Brandl markieren.

Das mag verwegen erscheinen, funktioniert aber. Der Liebhaber Essl, der aus seiner Sammlung in Gedanken wohl schon oft eine kleine Kunstgeschichte der Zeit nach '45 kristallisiert hat, der sein Haus offensichtlich bei jedem Rundgang immer wieder aufs Neue einrichtet, hat mit den nationalen auch gleich die Grenzen der Generationen über Bord geschmissen. Und Gestaltung, seine Mise en scène, ist ihm eine streng formale Lösung, die auch auf einer Intimkenntnis seines Hauses beruht.

Und da gehen Blickachsen dann schon einmal quer durch die Innenhöfe, um im Trakt gegenüber auf eine Entsprechung zu verweisen. Und man ist dankbar, vom Hausherr selbst geführt und darauf hingewiesen zu werden.

Der Esslsche Bilderkosmos wächst. Und mit ihm auch die Möglichkeiten, neue Querverweise aufzuspüren oder ganz einfach auch inhaltliche und formale Entsprechungen zu behaupten. Dann hängen eben zwei kleine, zarte Arbeiten von Erwin Bohatsch eigenwillig im Eck neben Gerhard Richters schwer dominantem Wolkenbild, da muss eine Malerei der Elke Krystufek dem benachbarten Donald Baechler standhalten, ganz so, wie der Peter Pongratz den echten "Zustandsgebundenen" trotzen muss oder Nan Goldin vor dem Hintergrund von Eva Schlegels Glaswand zum Café sich unentrinnbar mit Morris Louis konfrontiert sieht.

"Herrlich, nicht wahr?!" hat Karlheinz Essl immer wieder gerufen, als er mit Rudi Fuchs den Neubau besichtigte. Und so kommentiert er auch seine Hängung. Und recht hat er: Es ist herrlich, jemanden dabei zu beobachten, Zusammenhänge herzustellen, weil es eben seine Zusammenhänge sind; seine Sicht der Dinge. Und es ist auch für den Betrachter herrlich zu sehen, wie da jemand seine alten Bekannten aufgemischt, aus ihrem üblichen Zusammenhang gerissen hat.



Updated: 23 Dec 2000