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Polemiken zu NITSCH - Eine Retrospektive
Presseberichte und Reaktionen

 

Erregung an der Basis
Klosterneuburgs SP-Fraktion sieht rot
in: DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30.11.200

Klosterneuburg - Für den einen ist er eine "schillernde Künstlerpersönlichkeit, die die ganze Welt kennt", für den anderen sind seine Aktionen "barbarisch und abstoßend". Der eine ist Niederösterreichs Landesvater Erwin Pröll, der andere Klosterneuburgs SPÖ-Spitzenkandidat und Stadtrat Peter Hofbauer. Beider Geister scheiden sich nicht bloß am Gesamtkunstwerken des Prinzendorfers Hermann Nitsch. Weit über den hinaus steht das Schaffen der Familie Essl zur Debatte.

Erwin Pröll bemerkte zur Eröffnung der Nitsch-Retrospektive in Essls privat finanzierter Kunstsammlung, der Baumax-Chef würde damit "ein Klima schaffen, das weit über dieses Haus hinausreicht". Hofbauers Fraktion hingegen sieht in Essls Programm eine Fülle teilweise obszöner Darstellungen (Elke Krystufek) und perverser Graffiti gleich denen in öffentlichen WCs (Franz West).

"Entsetzt" und "irritiert" über Einzelaktion
Mit einem Dringlichkeitsantrag im Gemeinderat will er eine Resolution durchsetzen, die Essl auffordert, von solchen Präsentationen Abstand zu nehmen. SP-Kultursprecherin Christine Muttonen zeigt sich "entsetzt" und "irritiert" über die Genossen und beteuert, es wäre eine Einzelaktion, sie werde aber versuchen, die Klosterneuburger Freunde "für das Thema ,Freiheit der Kunst' zu sensibilisieren" und sie auch daran erinnern, dass zum Leben und damit auch zur Kunst "Sexualität einfach dazugehört".

"Fragen stellen - bevor man sich eine Meinung bildet"
Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny rät den Freunden in einem offenen Brief zur Weiterbildung: "Fragen stellen - bevor man sich eine Meinung bildet." Schließlich werde selbst "der sportbegeistertste Fan auf dem Fußballplatz die Güte einer Mannschaft besser beurteilen können, je mehr er (oder sie) sich auch mit Regeln, Aufstellungen, Theorie, Taktik, Training und Aufbau beschäftigt hat". Mit dem Hinweis, er hätte eine Institution wie die Sammlung Essl gerne in Wien - "eine Chance, die allerdings vor meiner Amtszeit vertan wurde" -, lädt der Kulturstadtrat seine erregten Genossen abschließend ein, "von der diesbezüglichen Resolution wieder zurückzutreten."

Das sollten die sich ernsthaft überlegen: Schließlich wirbt Peter Hofbauer im Internet mit "sinnvoller Zusammenarbeit mit Wien" als wichtigem Anliegen, und Fraktionsgenosse Umweltgemeinderat Franz Lebeth nennt "Sachpolitik statt unsinniger Streitereien" ebendort als ersten politischen Grundsatz. (Markus Mittringer)




Polemik um Kunstsammlung Essl
SP-Klosterneuburg ortet "pornografische" Schauen
in: DER STANDARD, Online-Artikel vom 27.11.2003

Klosterneuburg - Während das als "The Essls" international bekannt gewordene Kunstsammler-Ehepaar aus Klosterneuburg zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt gezählt werden (Platz 34 im aktuellen, jährlichen Ranking der Zeitschrift ArtReview), sieht es sich in seiner Heimatstadt kommunalpolitischer Polemik ausgesetzt: Nachdem die FPÖ sich über die am 15. November, dem niederösterreichischen Landesfeiertag, abgehaltene Aktion von Hermann Nitsch erregt hatte ("Blutschmierereien" an der "Wirkungsstätte des Heiligen Leopold" - LAbg. Gottfried Waldhäusl: "Wer so etwas von sich gibt, braucht keine Kunstförderung, sondern einen Arzt."), nimmt nun die SP-Klosterneuburg Anstoß am Ausstellungsprogramm der Sammlung Essl mit dem Vorwurf der Pornografie und Barbarei. Diese weist den Angriff auf die Freiheit der Kunst zurück.

Franz West   Dringlichkeitsantrag
In einem für die Gemeinderatssitzung am 28.11. eingebrachten Dringlichkeitsantrag werden mehrere Sonderschauen attackiert: In NACKT & MOBIL - Elke Krystufek seien "eine Fülle von teilweise obszönen Darstellungen" - auch Schulklassen - gezeigt worden. Die Skulptur von Franz West vor dem Museum würde an perverse "Graffiti" in öffentlichen WC-Anlagen erinnern. Auch die als "barbarisch und abstoßend" bezeichnete Aktion von Nitsch am NÖ Landesfeiertag missfiel den Sozialdemokraten. Nach ihrem Wunsch soll Karlheinz Essl in einer Resolution aufgefordert werden, von derlei Präsentationen Abstand zu nehmen.


Franz West: Skulptur O.T. vor der Sammlung Essl


"... von keinen politischen Querschüssen beeinflussen lassen"
Die Sammlung Essl entgegnete, sie sei "eine private, unabhängige Institution, die keinen politischen Einflussnahmen unterliegt." Weiters heißt es in dem Statement: "Ein derartiger Angriff auf die Freiheit der Kunst, wie sie die SPÖ Klosterneuburg im Moment unternimmt, zeigt, wie wichtig es ist, unabhängig agieren zu können und frei von politischer Agitation einen Beitrag zur Förderung zeitgenössischer Kunst leisten zu können. Wir werden uns von keinen politischen Querschüssen in unserem Konzept, zur Förderung zeitgenössischer Kunst, beeinflussen lassen."

Dem Statement haben sich Elke Krystufek und Hermann Nitsch angeschlossen. In der Aussendung wurde weiters betont, dass kontroversielle und für die zeitgenössische Kunst wichtige Positionen dazu beigetragen hätten, den Ruf Klosterneuburgs als Kulturstadt über die Grenzen der Region hinaus zu begründen.

Die Sammlung Essl nahm auch zur - von der SP-Klosterneuburg ebenfalls kritisierten - Förderung der Stadt Klosterneuburg aus dem Jahre 2002 Stellung: Es habe sich um eine einmalige Zuwendung gehandelt, die weder für die Krystufek- noch für die Nitsch-Ausstellung verwendet wurde. (APA/red)




SP-Attacke gegen Sammlung Essl stößt auf breite Ablehnung
in: KURIER, Printausgabe vom 27.11.2003

KLOSTERNEUBURG Mit ihrer Resolution gegen "Pornografie" und "Barbarei" in der Sammlung Essl - der KURIER berichtete - dürften die Klosterneuburger Sozialdemokraten kommenden Freitag im Gemeinderat alleine bleiben. Sprecher der anderen Parteien signalisieren durchwegs Unverständnis. Der geharnischten ersten Reaktion von Mäzen Karlheinz Essl (er sprach von einem "Angriff auf die Freiheit der Kunst") schlossen sich mittlerweile die attackierten Künstler Hermann Nitsch und Elke Krystufek an. Letztere meinte schon im Vorjahr zu Protesten gegen ihre Werke: "Jeder hat seine Bilder im Kopf, die er mit meinen Bildern verbindet - dann erst werden meine Werke obszön."

VP-Vizebürgermeister Alfred Schmid sagt, dass zu den in der Sammlung Essl ausgestellten Werken auch in seiner Fraktion die Meinung geteilt sei. "Wir mischen uns aber nicht in den Kulturkampf zwischen den Herren Hofbauer und Essl ein und lassen uns hier sicher vor keinen Karren spannen." Die kontroversielle Debatte stört Schmid nicht: "Kultur muss auch Kritik aushalten."

FP-Chef Josef Pitschko ist es "vollkommen wurscht, was der Herr Essl in seinem Museum ausstellt oder nicht". Als Gemeindepolitiker habe er lediglich darüber zu entscheiden, was er subventionieren will - und hier sei die Ablehnung der FPÖ gegenüber Förderungen für die Sammlung Essl bekannt.

BGU-Stadtrat Sepp Wimmer reagiert scharf: "Hofbauer scheint es intellektuell nicht zu erfassen, dass er mit dieser ,Kritik' nahe am Verständnis jener ist, die schon einmal ihnen missliebige Kunst als ,entartet' bezeichneten und verbrennen ließen." (Martin Bernert)

 

„Nein zu Schweinereien“
POLIT-STREIT / SPÖ wollte mit Resolution „pornographische, sittenwidrige und barbarische“ Essl-Veranstaltungen verhindern. Antrag wurde abgelehnt.
in: NÖN Klosterneuburg, Printausgabe vom 04.12.2003

KLOSTERNEUBURG Kein Ende im Streit um die 89.000 Euro-Subvention der Gemeinde an die Sammlung Essl in Sicht: In der Gemeinderatssitzung vergangenen Freitag wurde weit über eine Stunde heftigst debattiert. Auslöser war ein Resolutionsantrag der SPÖ. Sie wollte, dass das Stadtparlament Museumsdirektor Karlheinz Essl ersucht, von „pornographischen, sittenwidrigen und barbarischen Ausstellungen Abstand zu nehmen“. Der Antrag wurde mehrheitlich abgelehnt.

Wie die NÖN exklusiv berichtete, nahm SPÖ-Stadtrat DI Peter Hofbauer die Hermann Nitsch-Aktion in der Sammlung Essl ins Visier. Hofbauer empört: „Die Gemeinde hat Essl 89.000 Euro für Veranstaltungen in diesem Jahr geschenkt. Mit dem Geld wurde somit auch die Nitsch-Aktion gesponsert, bei der ein Tier geschlachtet wurde, damit sich dann so genannte Künstler in deren Eingeweiden wälzen können.“

Vergleich mit Nazi-Regime
Nach dem NÖN-Bericht stürzten sich auch andere Medien auf das Streit-Thema. Für Aufsehen sorgte eine Stellungnahme von Grün-Stadtrat Mag. Sepp Wimmer: Hofbauer scheine es intellektuell nicht zu erfassen, dass er mit seiner Kritik nahe am Verständnis jener sei, die schon einmal ihnen missliebige Kunst als entartet bezeichneten und verbrennen ließen, so Wimmer.

Hofbauer bei der Gemeinderatssitzung: „Dass mich Wimmer mit dem Nazi-Regime in Verbindung bringt, ist ungeheuerlich. Ich habe das Dritte Reich immer auf das Schärfste verurteilt und stand einmal sogar fast vor Gericht, als ich jemanden als Nazi bezeichnet habe.“ Für den SPÖ-Politiker steht fest: Die Freiheit der Kunst ist unantastbar, genau so wie die Kritik an der Kunst. „Ich lasse mich weder von Essl, noch von Nitsch oder irgendjemand anderem ruhig stellen.“ Für Hofbauer steht weiters fest: „Schweinereien“ dürfen nicht mit öffentlichen Geldern gefördert werden. „Nach Neu Guinea hätte man Missionare geschickt, wenn die Menschen mit Blut und Eingeweiden spielen. Wenn das gleiche Nitsch macht, bekommt er dafür Steuergelder. Wenn ein Schüler auf die WC-Tür einen Penis zeichnet, wird er rausgeworfen. Wenn Essl eine Penis-Skulptur vor sein Museum stellt, wird er dafür mit einer Subvention belohnt.“

Auch die Elke Krystufek-Ausstellung, bei der eine masturbierende Frau zu sehen war, ist dem SPÖ-Politiker ein Dorn im Auge gewesen. „Diese Ausstellung wurde von Schulklassen besucht. Das ist doch ein Wahnsinn.“ Nach seiner 50 Minuten langen Rede fasste Hofbauer zusammen: „Wer unsere Resolution ablehnt, gibt einen Freibrief für solche Schweinereien.“ Bürgermeister Dr. Gottfried Schuh verstand die Aufregung überhaupt nicht: „Eines der bedeutendsten Kunstmagazine beurteilt jährlich die 100 wichtigsten Persönlichkeiten, die weltweit den Kunstmarkt prägen. Essl ist hier an 34. Stelle gereiht. Die Leute sind also anderer Meinung als Kollege Hofbauer.“

„Geschäfte machen“
Darauf FPÖ-Stadtrat Dr. Josef Pitschko: „In dem Magazin geht es um den Kunstmarkt. Markt bedeutet Geschäfte machen. Das sagt eigentlich alles aus.“ LIF-Gemeinderat Mag. Walter Höller stimmte den Aussagen Hofbauers inhaltlich vollkommen zu, gab aber zu bedenken, dass das Stadtparlament Essl nichts vorschreiben dürfe. Grün-Stadtrat Mag. Sepp Wimmer wiederum erklärte: „Kritik ist legitim. Hofbauer kritisiert nicht, sondern verlangt, dass Kunst versteckt wird. Und das ist nicht zulässig.“

ÖVP-Vizebürgermeister Alfred Schmid will sich nicht in den Kulturkampf einmischen: „Jeder muss für sich selbst entscheiden, was Kunst ist. Kunst ist übrigens ein Produkt und jedes Produkt muss beworben werden. Kollege Hofbauer hat durch das Medienecho für die Sammlung Essl und sich selbst Werbung gemacht.“ Ein im Gemeinderat seltenes Schauspiel beendete die Debatte: Hofbauer forderte eine geheime Abstimmung über seinen Antrag. Nicht mit Handzeichen, sondern mit Stimmzetteln. Ergebnis: 13 Mandatare waren für die Resolution, 25 dagegen, ein Stimmzettel war ungültig. Übrigens: Karlheinz Essl sieht in der Resolution einen Angriff auf die Freiheit der Kunst. Der Angriff der SPÖ zeige „wie wichtig es ist, unabhängig agieren zu können und frei von politischer Agitation einen Beitrag zur Förderung zeitgenössischer Kunst zu leisten“. (Thomas Schindler)

 

 

updated: 06.09.2010