115. Aktion von Hermann Nitsch
Eine Aktion unter Einsatz von Blut und Fleisch, 20 Akteuren und 9 Musikern
15.11.2003, 19.00 - 22.00,
Sammlung Essl - Depot & Depotgutverteiler
Mit der 115. aktion im rahmen der
retrospektive im haus der sammlung essl möchte ich zu einem
aktionstyp zurückgreifen, welchen ich in den 70er und 80er
jahren in den kunstzentren von europa und übersee aufführte.
später konzentrierte sich mein interesse ausschließlich
auf die großen aktionen in prinzendorf und vor allem auf
das 6-tage-spiel, das ich 1998 realisiert habe. trotzdem ist die
heutige aktion durch viele neue erfahrungen bestimmt. eigentlich
handelt es sich um ein drama im sinn der griechischen tragödie.
anfänglich ruhige aktionspassagen werden sich gegen schluss
immer mehr verdichten und ekstatisch ausufern. der ablauf der
aktion soll mit einem groß angelegten crescendo zu vergleichen
sein. es zeigt sich diesmal in knappster form die auseinandersetzung
mit dem tragischen, mit dem kreuz, mit dem scheitern. was bleibt
ist die unerschöpflichen kraft der tatsache des numinosen,
die kraft des dionysischen werdens und die katharsis, die das
bewusst machen, der uns inne wohnenden natur, möglich macht.
die direktere überwindung des scheiterns strebt das in prinzendorf
sich realisierende projekt des o.m. theaters an. das sich zum
selbst entwickelnde ich wird zum spielgeschehen. die auferstehung
wird zur lebens- und seinswirklichkeit.

Dokumentarphoto der 115. Aktion von Hermann Nitsch
© 2003 Archiv Cibulka-Frey
wegen des großen andranges ist die aufführung vorerst
einmal ausverkauft. da sicher viele nur einen teil der aktion
sehen wollen, ist mit sicherheit anzunehmen, dass sich die reihen
der zuseher lichten werden. es wird dann wartenden einlass geboten.
ausserdem wird das geschehnis in andere räume des ausstellungshauses
mittels video übertragen. (Hermann Nitsch)

Dokumentarphoto der 115. Aktion von Hermann Nitsch
© 2003 Archiv Cibulka-Frey
Aktive Akteure
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leo kopp, frank gassner, hanna hollmann, clemens hollmann, margit doubek, roman pfeffer, christina tsilidis, leopold schuster, barbara jansenberger, dario lindes, maria graff, esther merz, bahara naghiba, martin luce, jelena filipovic, alexandra mitsche, katharina marak, judith schroffner
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Passive Akteure
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igor orovac, oliver kartak, michael hüttler, frank gassner, katharina biber, annette tesarek, thomas draschan
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Musiker
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Sascha Otto: Sopran-Saxophon
Jack Hauser: Alt-Saxophon
David Ender: Tenor-Saxophon
Leonhard Leeb: Trompete
Paul Rintelen: Trompete
Daniel Riegler: Posaune
Patrik Lerchmüller: Posaune
Bob Clark: Tam Tam
Karlheinz Essl: Computer & Elektronik
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Dokumentarphoto der 115. Aktion von Hermann Nitsch
© 2003 Archiv Cibulka-Frey
Presse
Erschöpft und glücklich
von Henriette Horny
in: KURIER 17.11.2003
Bilder vergangener Tage flimmern über einen Videoscreen.
Hermann Nitsch schüttet einem Mann Blut in den Mund,
einer Frau wird ein totes Schwein aufgelegt...
Die Betonwände der Depotkatakomben der Sammlung Essl
in Klosterneuburg sind mit Folie abgedeckt, grelles Licht
erleuchtet einen Gang, Weihrauchduft liegt in der Luft.
Dicht gedrängt stehen hier Hunderte Menschen - insgesamt
wurden 600 Karten verkauft - und warten.
CLUBBING Auf einer Bühne sitzt der mit einem
Laptop ausgerüstete Musiker Karlheinz
Essl, weiß gewandet wie alle Akteure der Nacht.
Es wird kein Clubbing, obgleich das Arrangement es vermuten
lässt. Was hier mit Spannung erwartet wird, ist die
Aufführung der 115. Aktion von Hermann Nitsch.
Fünf Minuten vor Beginn betritt Hausherr Karlheinz
Essl die Bühne . "Die 115. Aktion von Hermann Nitsch
beginnt pünktlich um 19 Uhr", verkündet der elegante
Herr mit dem auffällig roten Stecktuch. "Es soll ein
schöner, ein festlicher Abend sein", fährt er
fort. In seiner Stimme schwingt Anspannung.
Kein Wunder: Wie immer, wenn Nitsch aktiv wird, werden Proteststimmen
laut. Dieses Mal richtete sich die Kritik auch massiv gegen
die Sammlung Essl.
"Speziell zur laufenden Schau und zur Aktion wurde eine
Nitsch-Grafikedition aufgelegt. Heute kostet das Blatt noch
1000 Euro, später 1300 Euro. Der Verkauf findet in
der Buchhandlung statt. Dort können Sie auch den Katalog
erwerben." Ganz Geschäftsmann, bewirbt Essl die Nitsch-Produkte
des Hauses.
Jetzt ist der Musiker Karlheinz Essl dran. Erfüllt
die Räume mit einem eindringlichen Tonduo aus A und
D, im Fachjargon Orgelquint genannt.
Eine Türe öffnet sich, ein auf einer Trage sitzender
Mann, weiß gekleidet und mit Augenbinde, wird herausgetragen.
Trompetenspieler begleiten den Zug. Die Trage wird abgestellt.
Mit einem Messbecher schöpft eine Akteurin hellrotes
Schweineblut aus einem randvoll gefüllten Trog und
reicht Hermann Nitsch das Gefäß, der es dem Sitzenden
zum Mund führt. In breitem Bach rinnt die rote Flüssigkeit
über Lippen, Kinn und Gewand des Akteurs.
BLUT Die erste Blutspur der Nacht ist gelegt. Im
Laufe der nächsten drei Stunden, so lange hat die Aktion
gedauert, sind es noch zahllose geworden. Am Ende standen
Seen, die von blutbeschmierten Akteuren durchschritten,
und vom Publikum umkreist wurden. Als Schlusspunkt wurde
noch einmal intensiv in Innereien gewühlt und literweise
Blut geschüttet. Ein erschöpftes Publikum bedankte
sich bei den Akteuren mit langem Applaus. Karlheinz Essl
und Hermann Nitsch, beide sichtlich gerührt, fielen
einander in die Arme. Eine andere Art von Happy End.
INFORMATION Die bei der Aktion verwendeten Schweine
werden gekocht und gegessen. Die Nitsch-Retrospektive in
der Sammlung Essl Klosterneuburg ist bis 11.01.2004 zu sehen.
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115. Aktion mit Überraschung
in: ORF Online 17.11.2003
Mystische Klänge. Ein weißes Quadrat, über
dem ein geschlachtetes Schwein schwebt. Darunter liegen
in Kreuzform 17 Männer und Frauen in Weiß, das
Gesicht zum Boden gewandt. Später werden einige von
ihnen gekreuzigt. Am Ende stehen sie alle blutüberströmt
und erschöpft da, in ihren Augen so etwas wie Glück,
während Hunderte Zuschauer in der Sammlung Essl begeistert
applaudieren. Die jüngste Performance von Hermann Nitsch
war bereits seine 115. Aktion. Der 65-Jährige, dem
gerade eine große Retrospektive gewidmet wird, hatte
diesmal aber eine Überraschung parat.
Seine Akteure sind nackt oder tragen Weiß, zumindest
am Anfang. Unter Einsatz von Blut und Fleisch stellen sie
Hermann Nitschs Vision von "Lebens- und Seinswirklichkeit"
dar, zu der aus seiner Sicht die Auferstehung wird.Mit seiner
115. Aktion erweiterte Nitsch Samstagabend vor rund 500
Besuchern der Sammlung Essl noch einmal die große
Retrospektive, die ihm der Klosterneuburger Kunstmäzen
Karlheinz Essl sen. gewidmet hatte.
"Eine griechische Tragödie"
Auch diese Performance beschrieb der international meistgeachtete
bildende Künstler Österreichs als "ein Drama im
Sinne der griechischen Tragödie". Der 65-Jährige
griff dabei auf jenen Aktionstypus zurück, den er in
den 70er und 80er Jahren in Europa und Übersee aufgeführt
hatte. Die jüngste Aktion sei allerdings durch "viele
neue Erfahrungen" bestimmt gewesen. Wohl auch deswegen versprach
Nitsch im Vorfeld nicht nur ein "dramatisches Finale", sondern
auch eine Überraschung.
Prozessionen und Kreuzigungen
20 Darsteller folgten allerdings auch diesmal einer minutiösen
Partitur. Musikalisch wv?urden sie von einem Dutzend Musiker
begleitet, die eine mystisch anmutende Komposition von Karlheinz
Essl jun. vortrugen. In vier Prozessionen wurden die Akteure
mit verbundenen Augen zu Kreuze getragen, liegend und sitzend,
nackt und in weißen Gewändern, mit Eingeweiden
geschlachteter Tiere bedeckt, mit Blut getränkt und
mit Wasser gewaschen. Gekreuzigt werden bei Nitsch aber
auch (tote) Tiere, so auch in der Sammlung Essl.
Eine Blutspur zog sich bald nicht nur durch den Hauptgang,
in dem sich die meisten Zuschauer drängten. Auch das
weiße Quadrat im Hauptraum, auf dem anfangs die meisten
Darsteller in Kreuzform lagen, verwandelte sich in eine
riesige Blutlacke. Schlachthausgestank machte sich breit.
Manche Zuschauer zogen es vor, den weiteren Verlauf aus
sicherer Distanz auf einer Videowand im Vorraum zu verfolgen.
"Was bleibt, ist Katharsis"
Den Ablauf der Aktion verglich Nitsch mit einem groß
angelegten Crescendo. In knappster Form sollte sich die
Auseinandersetzung mit dem Tragischen, mit dem Kreuz, mit
dem Scheitern zeigen.
"Was bleibt, ist die unerschöpfliche Kraft der
Tatsache des Numinosen, die Kraft des dionysischen Werdens
und die Katharsis, die das Bewusstmachen der uns innewohnenden
Natur möglich macht", so der Gesamtkünstler.
Aufklopfen gegen Bigotterie
Die versprochene Überraschung kam nach rund zwei Stunden.
Nach vier Prozessionen und drei Kreuzigungen setzten die
Musiker zu einem Schuhplattler an, während vier in
Blut watende Akteure auf ein über dem nun gar nicht
mehr weißen Quadrat schwingendes Schwein mit Holzpfählen
einschlugen.
"Ekstatisch" ausgeufert, wie den Besuchern versprochen,
ist Nitschs Aktion so zwar nicht, die offenkundige Kritik
an ländlicher Bigotterie erntete aber viel Beifall.
Zweite Aktion bei Essl
Die 115. Nitsch-Aktion war die zweite unter der Ägide
von Essl sen. 1996 hatte der Künv?stler im Schömer-Haus
seine 38.
Malaktion durchgeführt, die auch in der aktuellen
Retrospektive dokumentiert ist. Begleitet wird die Schau
von der Klanginstallation Le
mystère d'orgue von Essl jun., die von der
Rotunde aus die Säle mit Klängen durchflutet.
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Nitsch Aktion: FP-NÖ fordert Verschiebung
Der Landesfeiertag des Hl. Leopold dürfe laut den Freiheitlichen
nicht durch "Blutschmiereien besudelt" werden.
in: DIE PRESSE 13.11.2003
ST. PÖLTEN (ag.). Der niederösterreichische Landesfeiertag
dürfe nicht mit "Blutschmierereien besudelt" werden,
übten die NÖ Freiheitlichen heute, Donnerstag,
heftige Kritik an der für 15. November angesetzten
Aktion von Hermann Nitsch in der Sammlung Essl. Der gewählte
Termin in Klosterneuburg, an der Wirkungsstätte des
Heiligen Leopold, sei provokant, forderte der Fraktionsobmann
im NÖ Landtag, Thomas Ram eine Verschiebung der Veranstaltung.
Subventionen vom Land?
Darüber hinaus wollen Ram und LAbg. Gottfried Waldhäusl
wissen, ob die Aktion vom Land subventioniert wird. Eine
diesbezügliche Anfrage soll am Montag eingebracht werden.
Waldhäusl sprach sich dafür aus, dass das Land
"mit Steuergeldern" keine Werke des Aktionskünstlers
mehr ankaufen sollte. Erinnert wurde an die freiheitliche
Kritik an Nitsch im Jahr 1998 im Zusammenhang mit dem Sechs-Tage-Spiel
des Orgien Mysterien Theaters auf Schloss Prinzendorf. Laut
einer damaligen Anfragebeantwortung durch LHStv. Liese Prokop
(V) wurden bis 1999 Nitsch-Werke um damals insgesamt 900.000
Schilling angekauft.
Grenzen überschritten
Ram betonte, die Freiheit der Kunst zu respektieren, hier
würden aber Grenzen überschritten. Landeshauptmann
Erwin Pröll (ÖVP), der die Nitsch-Retrospektive
in der Sammlung Essl am 16. Oktober eröffnet habe,
solle erklären, wie sich diese Kunstform mit dem christlichen
Weltbild vereinbaren lasse. Waldhäusl zitierte Passagen
aus Nitschs "Die Eroberung von Jerusalem", in denen es um
Schlachtungen und Verstümmelungen von Geschlechtsteilen
geht, um festzustellen: "Wer so etwas von sich gibt,
braucht keine Kunstförderung, sondern einen Arzt."
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