LITERATUR IM MUSEUM 7 junge Schriftsteller erkunden das Essl Museum
Literatur trifft auf Museum – eine literarische Erkundung, wie es sie bisher noch nicht gab.
Das Essl Museum gab sieben jungen Autorinnen und Autoren eine Carte blanche zum
Stöbern und Schreiben in der Sammlung mit 7000 Werken, den Museumsräumlichkeiten
und den Kunstdepots. Es entstanden 7 völlig unterschiedliche Texte, die von Begegnungen im Museum, von einsamen Sitzungen in den Kunstdepots, die Erinnerungen heraufbeschwören bis hin zu minutiösen Rekonstruktionen einzelner Werke reichen. Die stilistische Vielfalt reicht vom Mehrebenentext über den Essay bis zum Dramolett.
Im Rahmen einer Lesereihe werden die Autorinnen und Autoren ihre so entstandenen Texte
an verschiedenen – darunter auch für gewöhnlich unzugänglichen – Orten im Museum vortragen. Der Eintritt zu allen Lesungen ist frei!
Zur Lesereihe erscheint im Limbus Verlag die Anthologie „Literatur im Museum“, in der alle Texte enthalten sind.
LESEREIHE „LITERATUR IM MUSEUM“
Linda Stift
07.11. (Mi), 19 Uhr, Essl Museum
Linda Stift forscht in ihrem Text Sollbruchstellen auf den Spuren des Künstlers Franz Zadrazil (1942-2005). Inspiriert von den alten Fassaden Zadrazils dringt die Autorin in ihre eigene Vergangenheit vor. Ihr Weg führt sie, ausgehend vom Museum, wo sie Werke von Zadrazil, in denen er die Städte Wien, Paris und New York thematisiert, betrachtet, hinaus ins wirkliche Leben, wo sie Andrea Kasamas, die Ehefrau Zadrazils, trifft und von dieser in das Atelier des Künstlers geführt wird.
Linda Stift (*1969 in der Südsteiermark), Studium der Germanistik, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Preise und Stipendien; ihr Debütroman Kingpeng (2005) wurde viel beachtet, 2007 folgte der Roman Stierhunger und 2011 der Roman Kein einziger Tag bei Deuticke.
Philipp Traun
14.11. (Mi), 19 Uhr, Depot, Essl Museum (Achtung, Einlass ins Depot ab 18.45 Uhr)
Philipp Trauns Minidrama mit dem Titel ohne Titel, Ausdruck auf Papier, 11,5 cm mal 19 cm, WIEN 2012, in dem ein Paar das Museum besucht und sich dabei im Sinnverlust durch die Kunst ausgeliefert sieht ist ein Hadern mit der Museumsöffentlichkeit, in der man ebenso beobachtet, wie man auch beobachtet werden kann. Trauns Protagonisten erliegen dem Klischee Museum, sie wollen sich erst gar nicht auf die Kunst einlassen; sie sind bourgeois bohemian, jeder eine personifizierte Groteske.
Philipp Traun (* 1976, Wien), aufgewachsen in Petronell-Carnuntum, lebt und arbeitet in Wien. 2010 erschien Alles im Fluss. Roman einer Kindheit, zuletzt erschienen im Herbst 2012: Bin gesund und guter Dinge. Beides im Amalthea Verlag, Wien.
Gabriele Petricek
24.11. (Sa, im Rahmen des Open House), 16 Uhr, Essl Museum
Gabriele Petricek hat sich minutiös mit der Videoabeit Mary von Bill Viola (*1951 in New York, USA, lebt in Kalifornien) beschäftigt. Ihr Text Labor des Lebens ist synchron nahe an diesem Video, das in Superzeitlupe eine Forscherin zeigt, die im Labor ihre Augen von einem Mikroskop abwendet und aus ungeklärten Gründen in Tränen ausbricht. Aus ihrer intensiven Betrachtung formuliert sie eine Vermutung, die in ihrer akkuraten Präzision und Verantwortung dem Werk gegenüber unvergleichlich ist und transformiert damit das Werk Violas zu Literatur, zu einem neuen, eigenständigen Werk, welches das Original hinter sich lässt.
Gabriele Petricek ist Schriftstellerin und Kulturpublizistin. Sie lebt in Wien. Writer in Residence in den USA und Großbritannien. Zahlreiche Beiträge in Anthologien und im ORF. Mitglied des Freitagmittagtisches. Debütpreis des Bundesministeriums für Zimmerfluchten, Erzählungen, 2005, Literaturedition Niederösterreich. Zuletzt erschienen: Von den Himmeln, Triptychon, 2009, Sonderzahl, Joyce’s Choice oder: Ein Hund kam in die Küche, 2011, Sonderzahl.
Johannes Gelich
25.11. (So, im Rahmen des Open House), 15 Uhr, Depot (Achtung: Einlass ins Depot um 14.45 Uhr)
Johannes Gelich verwebt in seinem Text Image of child No. 2 einen Besuch im Depot des Essl Museums mit einem Ausflug in die Vergangenheit. Im Depot im Bauch des Essl Museums, mit allen Sammlungswerken, lässt er sich vor einer Wand mit Werken von chinesischen Künstlern einsperren um seinen Protagonisten vor einem großformatigen Werk eine Reise in seine Vergangenheit, als er Chinesisch lernte, antreten zu lassen.
Johannes Gelich (*1969, Salzburg), studierte Theaterwissenschaft und Germanistik in Wien. Zuletzt erschienen: Chlor, Roman, 2006. Der afrikanische Freund, Roman, 2008.
Nirwana, Roman, Haymon, 2013. Zahlreiche Preise und Stipendien. Lebt in Wien.
Thomas Stangl
28.11. (Mi), 19 Uhr, Essl Museum
Thomas Stangls literarische Erkundung mit dem Titel Türen (Chinese Publishing) setzt bei der Busfahrt zum Museum ein und bewältigt von dort Schwelle um Schwelle, bis der Autor sich in der Welt des Künstlers spiegelt: „Du bekommst Zugang zu einem Raum, in dem ein anderer Mensch mit sich allein ist.“ In Stangls essayhaften Betrachtungen finden sich Werke von Anselm Kiefer, Maria Lassnig und Franz Zadrazil, die er bei zahlreichen Besuchen im Essl Museum vorfand. Er beschreibt den Spagat zwischen Künstler und Kunstwerk, zwischen Intimität und inszenierter Öffentlichkeit.
Thomas Stangl (*1966, Wien). Studium der Philosophie und Hispanistik; lebt als freier Schriftsteller in Wien. Veröffentlichte bisher drei Romane und einen Band mit Erzählungen und Essays, alle im Grazer Droschl Verlag. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter, für seinen Roman Der einzige Ort, der aspekte-Preis für das beste deutschsprachige Prosadebüt 2004 und der Erich-Fried-Preis 2011.
05.12. (Mi), 19 Uhr, Essl Museum: Hermann Niklas
Hermann Niklas’ Text Berg verwebt mehrere Ebenen, wobei jene des Betrachters – die seine eigene sein mag – nicht fehlt. Berg zeigt, wie fließend die Grenzen zwischen Textsorten in der Literatur einerseits, zwischen Wahrnehmung und dem Gegenstand der Betrachtung andererseits sind. Sein Text ist ein Fluss, der sich in ein Delta verästelt und dennoch an der Quelle bleibt. Niklas diente das Werk Tönend wie des Kalbs Haut die Erde des Künstlers Anselm Kiefer, das er bei seinen Besuchen im Essl Museum intensiv kennenlernte, als Grundlage ebenso wie das von Karlheinz Essl komponierte Musikstück Gold.Berg.Werk, welches nahezu hörbar im Text mitschwingt.
Hermann Niklas (*1976), Stimme beim Improvisationsorchester Divine Musical Bureau; Mitglied der Wortwerft; Hans Weigel Literaturstipendium 2005/06; Theodor Körner Preis 2009; Dramatikerstipendium 2009 des bm:ukk; bei der Literaturedition Niederösterreich erschienen: Maria Seisenbacher & Hermann Niklas: Konfrontationen. Gedichte 2005–2008, St. Pölten 2009.
Ariell Cacciola (Text im Buch: Literatur im Museum)
Ariell Cacciola dienten die Kuh-Bilder von Franz Kamlander, Acryl-Malereien und Bleistift-zeichnungen von Kühen, in Musterung und Farbe unterschiedlich, als Grundlage für ihre lyrisch-prosaische Erzählung, die den Leser an einen Abgrund führt. Ihre präzisen Beschreibungen verwischen räumliche und lebenszeitliche Grenzen und fordern die Natur heraus. Durch das Werk eröffnet sie ein Wurmloch ins Leben, das roh und ungeschützt existieren muss. Ariell Cacciolas Text ist zweisprachig im Buch „Literatur im Museum“ abgedruckt und wurde von Marlon del Mestre vom Amerikanischen ins Deutsche übertragen.
Ariell Cacciola ist Schriftstellerin und Übersetzerin, lebt in New York City. Veröffentlichte in The Brooklyn Rail, Words Without Borders, und Publishers Weekly sowie in der zweisprachigen Anthologie Wort für Wort / Word for Word, Ugly Duckling Press, 2012. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Roman.
Literatur im Museum – Das Buch
Essl Museum [Hg.]
mit Texten von Ariell Cacciola, Johannes Gelich, Hermann Niklas, Gabriele Petricek, Linda Stift, Thomas Stangl und Philipp Traun
Limbus 2012. Reihe Zeitgenossen
Gebunden mit Lesebändchen. 112 Seiten
Preis: 10,- € (A/D)
ISBN 978-3-902534-63-7